Du bist um vier Uhr nachmittags im Innenhof rückwärts gegen ein schwarzes Sportmotorrad gefahren, und der Mann, dem es gehört, lacht dich aus seiner eigenen Türschwelle aus. Raik Rehberg ist einunddreißig, einer der zwei Inhaber einer Motorradwerkstatt und der Nachbar, mit dem in diesem Gebäude seit drei Wochen niemand gesprochen hat. Du bist mit deiner Versicherungsnummer und einer Entschuldigung, die du sechsmal geübt hattest, nach oben gegangen. Beides will er nicht von dir, und er sagt das, noch bevor du den Satz beendet hast. Was er will: Eine Rechnung, die du wirklich zahlen kannst, einen Kaffee – und eine ehrliche Antwort darauf, ob du geklopft hast, weil du ihm etwas schuldest oder weil du es wolltest.
Seit zwei Jahren wohnst du nun mit deiner besten Freundin Frauke in einer kleinen Wohnung am Stadtrand. Ihr seid beide Studentinnen und teilt euch die Miete, weil das Studentenleben ohnehin schon teuer genug ist. Direkt gegenüber eurer Wohnung war eine weitere, die seit deinem Einzug leer stand. Zwei Jahre lang war dort niemand. Kein Licht hinter den Fenstern, keine Geräusche, niemand nebenan. Bis zu diesem Nachmittag. Du kamst gerade von einer Vorlesung nach Hause, als dir im Innenhof etwas auffiel. Ein Motorrad. Aber nicht irgendeines. Eine tiefschwarze Sportmaschine stand auf dem Parkplatz vor dem Gebäude. Die Maschine sah aus, als wäre sie direkt aus einem Actionfilm gerollt – aggressiv, elegant und verdammt teuer. Du bliebst einen Moment stehen. „Wo kommt die denn her?“ Niemand in eurem Haus fährt Motorrad. Neugierig gehst du die Treppe hoch und schließt die Tür auf. Kaum bist du durch die Tür, stürzt Frauke auf dich zu. „Endlich bist du da!“ „Hallo auch.“ „Du glaubst nicht, was passiert ist!“ „Oh, ich glaube schon.“ „Nein!“ Sie packt dich am Arm und zieht dich in die Küche. „Gegenüber ist jemand eingezogen!“ „Oh.“ „Ein Typ!“ „Und?“ Frauke schaut dich an, als hättest du gerade gestanden, noch nie Schokolade gegessen zu haben. „Ein heißer Typ!“ „Du hast ihn also gesehen?“ „Leider nur kurz.“ Du musst lachen. „Natürlich.“ „Aber das Motorrad gehört ihm.“ „Das Schwarze unten?“ „Ja!“ Sie lässt sich dramatisch auf einen Stuhl fallen. „Und er hat Muskeln.“ „Also hast du ihn doch genauer gesehen.“ „Nur wissenschaftlich.“ „Aha.“ Ab diesem Tag war der neue Nachbar das Gesprächsthema Nummer eins. Zumindest für Frauke. Für dich blieb er eher ein Mythos. Drei Wochen vergingen. Drei Wochen, in denen du den Mann kein einziges Mal gesehen hast. Das Einzige, was du von ihm mitbekommen hast, war seine Musik und sein Motorrad. Fast jeden Abend hörtest du zuerst das tiefe Brummen des Motors im Hof. Dann verstummte es, und wenige Sekunden später fiel seine Wohnungstür ins Schloss. Manchmal lief nachts Musik. Nicht unglaublich laut. Aber laut genug, dass du wusstest, jetzt ist er wieder da. Und manchmal schien seine Wohnung voller Leute zu sein. Besonders letzte Nacht. Irgendwo gegenüber lief Musik bis weit nach Mitternacht, Leute lachten, Türen knallten. Du hast vielleicht vier Stunden geschlafen. Entsprechend fühlst du dich am nächsten Nachmittag. Müde. Genervt. Und vollkommen unfähig, dich zu konzentrieren. Gerade fährst du in den Hof, als dir der Fehler passiert. Für einen Moment passt du nicht richtig auf. Ein dumpfes Geräusch. KRRRRRRRT. Dein Herz bleibt stehen. Du trittst sofort auf die Bremse. Nein. Nein. Nein, bitte nicht. Langsam steigst du aus. Und da ist es. Das Motorrad – sein Motorrad. Auf der rechten Seite zieht sich ein langer, hässlicher Kratzer über die Verkleidung. Du starrst es an. „Scheiße.“ Das Wort verlässt deine Lippen kaum hörbar. Die Maschine sieht aus, als wäre sie teurer als dein Auto. Und jetzt hast du sie beschädigt. Wegen deiner Dummheit. Du stehst bestimmt fünf Minuten einfach da. Vielleicht verschwindet der Kratzer ja von selbst. Tut er natürlich nicht. Also schleppst du dich die Treppe hoch. Frauke sitzt auf dem Sofa und scrollt durch ihr Handy. „Warum siehst du aus, als wärst du gerade gestorben?“ Du sinkst neben ihr aufs Sofa. „Ich hab ein Problem.“ „Wie groß?“ „Sehr groß.“ „Finanziell groß oder emotional groß?“ „Beides.“ Sie legt das Handy weg. „Okay, jetzt wird's interessant.“ Du erzählst ihr alles. Von der Müdigkeit. Vom Moment der Unachtsamkeit. Vom Geräusch. Und vom Kratzer. Frauke verzieht das Gesicht. „Oha.“ „Danke für die Unterstützung.“ „Das war Mitgefühl.“ „Das klang nicht nach Mitgefühl.“ „Okay, vielleicht nur ein bisschen.“ Du vergräbst dein Gesicht in den Händen. „Was mach ich denn jetzt?“ „Sag's ihm.“ Du schaust sie an. „Nein.“ „Doch.“ „Ich kenn den Typen nicht mal.“ „Eben deshalb.“ „Vielleicht merkt er's ja gar nicht.“ Frauke hebt eine Augenbraue. „An seinem Motorrad?“ „Okay, blödes Argument.“ „Sehr blödes Argument.“ Du seufzt. „Und was, wenn er ausrastet?“ „Dann rastet er aus.“ „Das hilft mir aber nicht.“ „Aber du hast sein Motorrad beschädigt.“ Leider hat sie recht. Und das wisst ihr beide. Eine halbe Stunde später stehst du vor seiner Tür. Dein Herz schlägt viel zu schnell. Deine Hände sind schweißnass. Ungefähr hundert Katastrophenszenarien laufen gleichzeitig durch deinen Kopf. Vielleicht ist er ein Idiot. Vielleicht schreit er dich an. Vielleicht verlangt er eine Summe, die du nie zahlen kannst. Vielleicht— Die Tür geht auf. Und alle Gedanken sind auf einmal fort. Vor dir steht ein Mann. Groß. Breite Schultern. Dunkles Hemd. Leicht zerzauste Haare. Und Augen, die dich einen Moment lang überrascht mustern. Offenbar hat er keinen Besuch erwartet. „Ja?“ Seine Stimme ist tief. Du öffnest den Mund. Schließt ihn wieder. Perfekt. Sehr erwachsen. Er wartet. Eine Sekunde. Zwei Sekunden. Dann zuckt ein Mundwinkel kaum sichtbar nach oben. „Kann ich dir helfen?“ Du zwingst dich, zu sprechen. „Ähm ... ja.“ Super. Total überzeugend. „Ich ... wohne gegenüber.“ „Okay.“ „Und ich hab ein Problem.“ „Auch okay.“ Warum ist er so ruhig? Das macht alles nur noch schlimmer. Du holst tief Luft. „Dein Motorrad.“ Sofort wird sein Blick wacher. „Was damit?“ Dir zieht sich der Magen zusammen. „Ich hab es mit meinem Auto angefahren.“ Schweigen. Absolutes Schweigen. „Du hast WAS?“ „Es tut mir leid.“ Jetzt gibt es kein Zurück mehr. „Ich war müde und unkonzentriert und bin beim Parken dagegen gekommen.“ Er starrt dich an. Du wartest auf den Ausbruch. Auf das Geschrei. Auf die Katastrophe. Aber stattdessen lehnt er sich langsam in den Türrahmen. Und plötzlich fängt er an zu lachen. Du blinzelst. „... wieso lachen Sie?“ „Weil du aussiehst, als würdest du gleich umkippen.“ „Das ist nicht lustig.“ „Ein bisschen schon.“ „Dein Motorrad hat einen Kratzer!“ „Und du bist freiwillig hier, um das zuzugeben.“ Seine Augen funkeln leicht. „Das macht heute kaum noch jemand.“ Du weißt nicht, ob du erleichtert oder verwirrt sein sollst. Vielleicht beides. „Also ... du bist nicht sauer?“ Er sieht dich einen Moment lang an. Dann schüttelt er den Kopf. „Erst schauen wir uns mal den Schaden an.“
Du bist um vier Uhr nachmittags im Innenhof rückwärts gegen ein schwarzes Sportmotorrad gefahren, und der Mann, dem es gehört, lacht dich aus seiner eigenen Türschwelle aus. Raik Rehberg ist einunddreißig, einer der zwei Inhaber einer Motorradwerkstatt und der Nachbar, mit dem in diesem Gebäude seit drei Wochen niemand gesprochen hat. Du bist mit deiner Versicherungsnummer und einer Entschuldigung, die du sechsmal geübt hattest, nach oben gegangen. Beides will er nicht von dir, und er sagt das, noch bevor du den Satz beendet hast. Was er will: Eine Rechnung, die du wirklich zahlen kannst, einen Kaffee – und eine ehrliche Antwort darauf, ob du geklopft hast, weil du ihm etwas schuldest oder weil du es wolltest.
Seit zwei Jahren wohnst du nun mit deiner besten Freundin Frauke in einer kleinen Wohnung am Stadtrand. Ihr seid beide Studentinnen und teilt euch die Miete, weil das Studentenleben ohnehin schon teuer genug ist. Direkt gegenüber eurer Wohnung war eine weitere, die seit deinem Einzug leer stand. Zwei Jahre lang war dort niemand. Kein Licht hinter den Fenstern, keine Geräusche, niemand nebenan. Bis zu diesem Nachmittag. Du kamst gerade von einer Vorlesung nach Hause, als dir im Innenhof etwas auffiel. Ein Motorrad. Aber nicht irgendeines. Eine tiefschwarze Sportmaschine stand auf dem Parkplatz vor dem Gebäude. Die Maschine sah aus, als wäre sie direkt aus einem Actionfilm gerollt – aggressiv, elegant und verdammt teuer. Du bliebst einen Moment stehen. „Wo kommt die denn her?“ Niemand in eurem Haus fährt Motorrad. Neugierig gehst du die Treppe hoch und schließt die Tür auf. Kaum bist du durch die Tür, stürzt Frauke auf dich zu. „Endlich bist du da!“ „Hallo auch.“ „Du glaubst nicht, was passiert ist!“ „Oh, ich glaube schon.“ „Nein!“ Sie packt dich am Arm und zieht dich in die Küche. „Gegenüber ist jemand eingezogen!“ „Oh.“ „Ein Typ!“ „Und?“ Frauke schaut dich an, als hättest du gerade gestanden, noch nie Schokolade gegessen zu haben. „Ein heißer Typ!“ „Du hast ihn also gesehen?“ „Leider nur kurz.“ Du musst lachen. „Natürlich.“ „Aber das Motorrad gehört ihm.“ „Das Schwarze unten?“ „Ja!“ Sie lässt sich dramatisch auf einen Stuhl fallen. „Und er hat Muskeln.“ „Also hast du ihn doch genauer gesehen.“ „Nur wissenschaftlich.“ „Aha.“ Ab diesem Tag war der neue Nachbar das Gesprächsthema Nummer eins. Zumindest für Frauke. Für dich blieb er eher ein Mythos. Drei Wochen vergingen. Drei Wochen, in denen du den Mann kein einziges Mal gesehen hast. Das Einzige, was du von ihm mitbekommen hast, war seine Musik und sein Motorrad. Fast jeden Abend hörtest du zuerst das tiefe Brummen des Motors im Hof. Dann verstummte es, und wenige Sekunden später fiel seine Wohnungstür ins Schloss. Manchmal lief nachts Musik. Nicht unglaublich laut. Aber laut genug, dass du wusstest, jetzt ist er wieder da. Und manchmal schien seine Wohnung voller Leute zu sein. Besonders letzte Nacht. Irgendwo gegenüber lief Musik bis weit nach Mitternacht, Leute lachten, Türen knallten. Du hast vielleicht vier Stunden geschlafen. Entsprechend fühlst du dich am nächsten Nachmittag. Müde. Genervt. Und vollkommen unfähig, dich zu konzentrieren. Gerade fährst du in den Hof, als dir der Fehler passiert. Für einen Moment passt du nicht richtig auf. Ein dumpfes Geräusch. KRRRRRRRT. Dein Herz bleibt stehen. Du trittst sofort auf die Bremse. Nein. Nein. Nein, bitte nicht. Langsam steigst du aus. Und da ist es. Das Motorrad – sein Motorrad. Auf der rechten Seite zieht sich ein langer, hässlicher Kratzer über die Verkleidung. Du starrst es an. „Scheiße.“ Das Wort verlässt deine Lippen kaum hörbar. Die Maschine sieht aus, als wäre sie teurer als dein Auto. Und jetzt hast du sie beschädigt. Wegen deiner Dummheit. Du stehst bestimmt fünf Minuten einfach da. Vielleicht verschwindet der Kratzer ja von selbst. Tut er natürlich nicht. Also schleppst du dich die Treppe hoch. Frauke sitzt auf dem Sofa und scrollt durch ihr Handy. „Warum siehst du aus, als wärst du gerade gestorben?“ Du sinkst neben ihr aufs Sofa. „Ich hab ein Problem.“ „Wie groß?“ „Sehr groß.“ „Finanziell groß oder emotional groß?“ „Beides.“ Sie legt das Handy weg. „Okay, jetzt wird's interessant.“ Du erzählst ihr alles. Von der Müdigkeit. Vom Moment der Unachtsamkeit. Vom Geräusch. Und vom Kratzer. Frauke verzieht das Gesicht. „Oha.“ „Danke für die Unterstützung.“ „Das war Mitgefühl.“ „Das klang nicht nach Mitgefühl.“ „Okay, vielleicht nur ein bisschen.“ Du vergräbst dein Gesicht in den Händen. „Was mach ich denn jetzt?“ „Sag's ihm.“ Du schaust sie an. „Nein.“ „Doch.“ „Ich kenn den Typen nicht mal.“ „Eben deshalb.“ „Vielleicht merkt er's ja gar nicht.“ Frauke hebt eine Augenbraue. „An seinem Motorrad?“ „Okay, blödes Argument.“ „Sehr blödes Argument.“ Du seufzt. „Und was, wenn er ausrastet?“ „Dann rastet er aus.“ „Das hilft mir aber nicht.“ „Aber du hast sein Motorrad beschädigt.“ Leider hat sie recht. Und das wisst ihr beide. Eine halbe Stunde später stehst du vor seiner Tür. Dein Herz schlägt viel zu schnell. Deine Hände sind schweißnass. Ungefähr hundert Katastrophenszenarien laufen gleichzeitig durch deinen Kopf. Vielleicht ist er ein Idiot. Vielleicht schreit er dich an. Vielleicht verlangt er eine Summe, die du nie zahlen kannst. Vielleicht— Die Tür geht auf. Und alle Gedanken sind auf einmal fort. Vor dir steht ein Mann. Groß. Breite Schultern. Dunkles Hemd. Leicht zerzauste Haare. Und Augen, die dich einen Moment lang überrascht mustern. Offenbar hat er keinen Besuch erwartet. „Ja?“ Seine Stimme ist tief. Du öffnest den Mund. Schließt ihn wieder. Perfekt. Sehr erwachsen. Er wartet. Eine Sekunde. Zwei Sekunden. Dann zuckt ein Mundwinkel kaum sichtbar nach oben. „Kann ich dir helfen?“ Du zwingst dich, zu sprechen. „Ähm ... ja.“ Super. Total überzeugend. „Ich ... wohne gegenüber.“ „Okay.“ „Und ich hab ein Problem.“ „Auch okay.“ Warum ist er so ruhig? Das macht alles nur noch schlimmer. Du holst tief Luft. „Dein Motorrad.“ Sofort wird sein Blick wacher. „Was damit?“ Dir zieht sich der Magen zusammen. „Ich hab es mit meinem Auto angefahren.“ Schweigen. Absolutes Schweigen. „Du hast WAS?“ „Es tut mir leid.“ Jetzt gibt es kein Zurück mehr. „Ich war müde und unkonzentriert und bin beim Parken dagegen gekommen.“ Er starrt dich an. Du wartest auf den Ausbruch. Auf das Geschrei. Auf die Katastrophe. Aber stattdessen lehnt er sich langsam in den Türrahmen. Und plötzlich fängt er an zu lachen. Du blinzelst. „... wieso lachen Sie?“ „Weil du aussiehst, als würdest du gleich umkippen.“ „Das ist nicht lustig.“ „Ein bisschen schon.“ „Dein Motorrad hat einen Kratzer!“ „Und du bist freiwillig hier, um das zuzugeben.“ Seine Augen funkeln leicht. „Das macht heute kaum noch jemand.“ Du weißt nicht, ob du erleichtert oder verwirrt sein sollst. Vielleicht beides. „Also ... du bist nicht sauer?“ Er sieht dich einen Moment lang an. Dann schüttelt er den Kopf. „Erst schauen wir uns mal den Schaden an.“
