Der Sohn des ältesten Freundes deiner Familie geht dir schon auf die Nerven, seit du sechs bist, und heute Abend ist er der Einzige am Tisch, dem auffällt, dass du nichts isst. Akseli Kettunen ist sechsundzwanzig, spielt in der ersten Reihe, und er hat sein ganzes Leben damit verbracht, sich mit dir über Dinge zu streiten, die völlig belanglos sind. Gerade fragt er dich mit einer Stimme, die das Team nicht hören kann, was los ist — und er wird genau einmal fragen. Du kannst ihm nichts sagen. Er wird sich mit den Händen auf den Knien neben dich setzen, die Feier um euch beide weitergehen lassen und dich kommentarlos nach Hause fahren. Nichts, was du heute Abend sagst, kostet dich irgendetwas.
Du kennst Akseli Kettunen dein ganzes Leben lang. Was hauptsächlich daran liegt, dass eure Familien seit Jahrzehnten befreundet sind. Geburtstage, Feiertage, Sommerurlaube, Hochzeiten, Sonntagsessen – Akseli war praktisch immer irgendwo in deiner Nähe. Leider. Schon als Kinder habt ihr gestritten. Akseli hat deine Sachen versteckt, an deinen Haaren gezogen und dann mit seinem unschuldigsten Grinsen erklärt, dass er natürlich gar nichts gemacht hat. Du hast ihm bei praktisch allem widersprochen, einfach aus Prinzip. Wenn Akseli behauptet hat, der Himmel sei blau, hättest du vermutlich sofort gesagt, dass er eigentlich grau ist. Mit den Jahren wurde es nicht besser. Nur anders. Akseli wurde größer, attraktiver und leider auch viel besser darin, dich mit drei Worten aus der Fassung zu bringen. Gleichzeitig ist der Junge, der früher mit einem Eishockeyschläger durch den Garten gerannt ist, zu einem der größten Offensiv-Talente der Liga geworden. Du sagst ihm immer noch regelmäßig, dass Eishockey keine Persönlichkeit ist. Er behauptet seit Jahren, du seist sein Beweis dafür, dass es Menschen gibt, die einfach nur existieren, um Chaos zu stiften. Ihr könnt euch nicht ausstehen. Jedenfalls behauptet ihr das. Heute ist allerdings einer dieser Tage, an denen einander ausweichen keine Option ist. Der Kettunen-Garten ist voller Leute. Lange Tische stehen unter Lichterketten, überall wird laut geredet, gelacht und diskutiert. Auf dem Grill liegen genug Steaks, Würstchen und Gemüse, um vermutlich die halbe NHL satt zu bekommen, während Akselis Mutter schon zum dritten Mal jemanden bittet, noch mehr zu essen. Typisch Kettunen. Seine Familie ist riesig. Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel, Cousins – und irgendwie scheinen alle gleichzeitig zu reden. Irgendwo streiten zwei seiner Onkel lautstark darüber, wer das Fleisch falsch gewürzt hat, während seine Großmutter ungefragt allen Berge von Essen auf den Teller packt. Deine Familie ist natürlich auch da. Und Akseli hat den Fehler gemacht, das ganze Team einzuladen. Onni und Sampo haben längst Akselis jüngere Cousins zu irgendeinem völlig sinnlosen Wettbewerb angestachelt. Eero diskutiert Grillmethoden mit einem seiner Onkel, Taisto beobachtet das Ganze mit verschränkten Armen, während Urho ruhig neben Risto sitzt. Juhani hat anscheinend schon drei Familienmitgliedern erfolgreich eingeredet, dass eine völlig ausgedachte Geschichte über Akseli wahr ist. Kalevi sitzt direkt gegenüber von Akseli und grinst schon viel zu wissend. Denn das Schicksal hat natürlich dafür gesorgt, dass ausgerechnet du neben Akseli sitzen musst. "Du klebst an meiner Seite", murmelt Akseli irgendwann, ohne aufzusehen. Du wirfst ihm nur einen Blick zu. Sein Mundwinkel zuckt. "Aha. Da ist sie. Diese Miene." Normalerweise hättest du schon längst darauf reagiert. Hättest widersprochen. Mit den Augen gerollt. Ihm auf irgendeine Weise zu verstehen gegeben, dass er mal wieder unerträglich ist. Heute nicht. Heute sitzt du ungewöhnlich still inmitten des ganzen Lachens und Redens. Akseli scherzt anfangs weiter mit seinen Teamkollegen. Er lacht über eine Bemerkung von Onni, wirft Sampo eine Serviette an den Kopf und kontert mühelos einen Kommentar von Kalevi. Aber Akseli wäre nicht Akseli, wenn ihm entgehen würde, dass etwas nicht stimmt. Er beobachtet Menschen. Auf dem Eis erkennt er Bewegungen Sekunden, bevor sie passieren. Und er kennt dich fast dein ganzes Leben lang. Sein Blick kehrt darum immer wieder zu dir zurück. Er merkt, dass du dein Essen kaum angerührt hast. Dass du nicht einmal reagierst, als Juhani einen peinlichen Kommentar über deine Kindheit macht. Dass du ihm dieses Mal nicht widersprichst, als Akseli beiläufig behauptet, er sei schon mit zwölf klüger gewesen als du. Das lässt ihn schließlich die Stirn runzeln. Kalevi merkt es sofort. "Du starrst." Akseli wirft ihm einen trockenen Blick zu. "Ich beobachte nur." "Natürlich." "Halt den Mund, Mikkelsen." Kalevi grinst nur. Wenige Minuten später lehnt sich Akseli in seinem Stuhl zurück. Sein Knie stößt leicht gegen deins. Normalerweise würdest du es sofort wegziehen. Als du diesmal kaum reagierst, verschwindet das Grinsen endgültig. Er dreht den Kopf zu dir. Einen Moment lang mustert er dich nur. Kein Spott. Kein arrogantes Lächeln. Dann beugt er sich etwas näher zu dir, sodass seine Familie und das Team euch zwei inmitten des allgemeinen Trubels nicht hören können. "Okay." Seine Stimme ist leiser als sonst. Seine braunen Augen studieren aufmerksam dein Gesicht. "Was ist los mit dir?" Eine kurze Pause. Dann taucht wieder dieses winzige, typische Akseli-Kettunen-Mundwinkel-Lächeln auf. "Nicht, dass es mich interessieren würde oder so." Trotzdem bleibt sein Blick fest auf dir. "Normalerweise widersprichst du mir mindestens alle dreißig Sekunden, und heute hast du schon seit fast zehn Minuten nichts gemacht, was mich nervt." Er legt den Kopf leicht schief. "Also ... was ist los?"
Der Sohn des ältesten Freundes deiner Familie geht dir schon auf die Nerven, seit du sechs bist, und heute Abend ist er der Einzige am Tisch, dem auffällt, dass du nichts isst. Akseli Kettunen ist sechsundzwanzig, spielt in der ersten Reihe, und er hat sein ganzes Leben damit verbracht, sich mit dir über Dinge zu streiten, die völlig belanglos sind. Gerade fragt er dich mit einer Stimme, die das Team nicht hören kann, was los ist — und er wird genau einmal fragen. Du kannst ihm nichts sagen. Er wird sich mit den Händen auf den Knien neben dich setzen, die Feier um euch beide weitergehen lassen und dich kommentarlos nach Hause fahren. Nichts, was du heute Abend sagst, kostet dich irgendetwas.
Du kennst Akseli Kettunen dein ganzes Leben lang. Was hauptsächlich daran liegt, dass eure Familien seit Jahrzehnten befreundet sind. Geburtstage, Feiertage, Sommerurlaube, Hochzeiten, Sonntagsessen – Akseli war praktisch immer irgendwo in deiner Nähe. Leider. Schon als Kinder habt ihr gestritten. Akseli hat deine Sachen versteckt, an deinen Haaren gezogen und dann mit seinem unschuldigsten Grinsen erklärt, dass er natürlich gar nichts gemacht hat. Du hast ihm bei praktisch allem widersprochen, einfach aus Prinzip. Wenn Akseli behauptet hat, der Himmel sei blau, hättest du vermutlich sofort gesagt, dass er eigentlich grau ist. Mit den Jahren wurde es nicht besser. Nur anders. Akseli wurde größer, attraktiver und leider auch viel besser darin, dich mit drei Worten aus der Fassung zu bringen. Gleichzeitig ist der Junge, der früher mit einem Eishockeyschläger durch den Garten gerannt ist, zu einem der größten Offensiv-Talente der Liga geworden. Du sagst ihm immer noch regelmäßig, dass Eishockey keine Persönlichkeit ist. Er behauptet seit Jahren, du seist sein Beweis dafür, dass es Menschen gibt, die einfach nur existieren, um Chaos zu stiften. Ihr könnt euch nicht ausstehen. Jedenfalls behauptet ihr das. Heute ist allerdings einer dieser Tage, an denen einander ausweichen keine Option ist. Der Kettunen-Garten ist voller Leute. Lange Tische stehen unter Lichterketten, überall wird laut geredet, gelacht und diskutiert. Auf dem Grill liegen genug Steaks, Würstchen und Gemüse, um vermutlich die halbe NHL satt zu bekommen, während Akselis Mutter schon zum dritten Mal jemanden bittet, noch mehr zu essen. Typisch Kettunen. Seine Familie ist riesig. Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel, Cousins – und irgendwie scheinen alle gleichzeitig zu reden. Irgendwo streiten zwei seiner Onkel lautstark darüber, wer das Fleisch falsch gewürzt hat, während seine Großmutter ungefragt allen Berge von Essen auf den Teller packt. Deine Familie ist natürlich auch da. Und Akseli hat den Fehler gemacht, das ganze Team einzuladen. Onni und Sampo haben längst Akselis jüngere Cousins zu irgendeinem völlig sinnlosen Wettbewerb angestachelt. Eero diskutiert Grillmethoden mit einem seiner Onkel, Taisto beobachtet das Ganze mit verschränkten Armen, während Urho ruhig neben Risto sitzt. Juhani hat anscheinend schon drei Familienmitgliedern erfolgreich eingeredet, dass eine völlig ausgedachte Geschichte über Akseli wahr ist. Kalevi sitzt direkt gegenüber von Akseli und grinst schon viel zu wissend. Denn das Schicksal hat natürlich dafür gesorgt, dass ausgerechnet du neben Akseli sitzen musst. "Du klebst an meiner Seite", murmelt Akseli irgendwann, ohne aufzusehen. Du wirfst ihm nur einen Blick zu. Sein Mundwinkel zuckt. "Aha. Da ist sie. Diese Miene." Normalerweise hättest du schon längst darauf reagiert. Hättest widersprochen. Mit den Augen gerollt. Ihm auf irgendeine Weise zu verstehen gegeben, dass er mal wieder unerträglich ist. Heute nicht. Heute sitzt du ungewöhnlich still inmitten des ganzen Lachens und Redens. Akseli scherzt anfangs weiter mit seinen Teamkollegen. Er lacht über eine Bemerkung von Onni, wirft Sampo eine Serviette an den Kopf und kontert mühelos einen Kommentar von Kalevi. Aber Akseli wäre nicht Akseli, wenn ihm entgehen würde, dass etwas nicht stimmt. Er beobachtet Menschen. Auf dem Eis erkennt er Bewegungen Sekunden, bevor sie passieren. Und er kennt dich fast dein ganzes Leben lang. Sein Blick kehrt darum immer wieder zu dir zurück. Er merkt, dass du dein Essen kaum angerührt hast. Dass du nicht einmal reagierst, als Juhani einen peinlichen Kommentar über deine Kindheit macht. Dass du ihm dieses Mal nicht widersprichst, als Akseli beiläufig behauptet, er sei schon mit zwölf klüger gewesen als du. Das lässt ihn schließlich die Stirn runzeln. Kalevi merkt es sofort. "Du starrst." Akseli wirft ihm einen trockenen Blick zu. "Ich beobachte nur." "Natürlich." "Halt den Mund, Mikkelsen." Kalevi grinst nur. Wenige Minuten später lehnt sich Akseli in seinem Stuhl zurück. Sein Knie stößt leicht gegen deins. Normalerweise würdest du es sofort wegziehen. Als du diesmal kaum reagierst, verschwindet das Grinsen endgültig. Er dreht den Kopf zu dir. Einen Moment lang mustert er dich nur. Kein Spott. Kein arrogantes Lächeln. Dann beugt er sich etwas näher zu dir, sodass seine Familie und das Team euch zwei inmitten des allgemeinen Trubels nicht hören können. "Okay." Seine Stimme ist leiser als sonst. Seine braunen Augen studieren aufmerksam dein Gesicht. "Was ist los mit dir?" Eine kurze Pause. Dann taucht wieder dieses winzige, typische Akseli-Kettunen-Mundwinkel-Lächeln auf. "Nicht, dass es mich interessieren würde oder so." Trotzdem bleibt sein Blick fest auf dir. "Normalerweise widersprichst du mir mindestens alle dreißig Sekunden, und heute hast du schon seit fast zehn Minuten nichts gemacht, was mich nervt." Er legt den Kopf leicht schief. "Also ... was ist los?"
