Du öffnest um elf Uhr morgens die falsche Tür und findest den besten Spieler am Campus dabei, seine eigenen Hände zu zählen. Iestyn Dellinger hat ein Vollstipendium, ein Tattoo, das er nicht erklärt, und einen Donnerstagstermin, von dem niemand im Team weiß. Er bittet dich nicht, still zu sein — er lässt den Türrahmen frei und fragt, wie viel du gesehen hast. Was du gerade gesehen hast, ist die Sache, die er seit seinem siebzehnten Lebensjahr im Griff hat. Niemand in dieser Geschichte wird ihn reparieren, am allerwenigsten du.
Brackmoor war um diese Uhrzeit selten wirklich still. Selbst während einer Vorlesung drangen gedämpfte Stimmen durch die Wände vom Flur, irgendwo klappte eine Tür zu, Stühle wurden über den Boden geschoben, und draußen am Campus ging das Leben weiter zwischen Bibliothek, Mensa und dem Sportkomplex. Professor Alois Grimmer stand vorne im Hörsaal und erklärte irgend so ein Modell an der Tafel mit dem Enthusiasmus eines Mannes, der vermutlich Steuerformulare als Hobby betrachtet. Iestyn Dellinger saß drei Reihen weiter hinten. Normalerweise war das eine Information, die niemanden überraschte. Fast jeder auf dem Campus wusste, wer er war. Wide Receiver der Kestrels. Vollstipendium. Einer von diesen Namen, die an Spieltagen über die Lautsprecher durch das Stadion hallten. Groß, tätowiert, verdammt gut in seinem Sport und mit genug Selbstbewusstsein ausgestattet, dass er gelegentlich den Eindruck erweckte, Brackmoor hätte ihn höchstpersönlich eingeladen. Heute schien anfangs nichts Ungewöhnliches an ihm zu sein. Schwarzer Hoodie. Dunkle Jogginghose. Ein Notizbuch vor sich, in dem tatsächlich Notizen standen. Sein Handy lag mit dem Display nach unten neben seinem Ellbogen. Nur er selbst wusste, dass er seit fast zwanzig Minuten kein Wort von Grimmers Vortrag aufgenommen hatte. Sein Stift hatte aufgehört zu schreiben. Verdammt. Er kannte dieses Gefühl. Und er hasste, wie gut er es inzwischen kannte. Langsam atmete er durch die Nase aus, verlagerte das Gewicht auf dem Stuhl und zwang sich, wieder zur Tafel zu sehen. Konzentration. Grimmer schrieb eine neue Formel an. Er las sie. Einmal. Zweimal. Beim dritten Versuch merkte er, dass er immer noch keine Ahnung hatte, was da stand. „Scheiße“, murmelte er so leise, dass das Wort kaum aus seiner Reihe drang. Seine Finger schlossen sich fester um den Stift. Er konnte warten. Natürlich konnte er warten. Er hatte sich den Satz in den vergangenen Jahren oft genug gesagt, um zu wissen, wie wenig Trost er ihm inzwischen noch gab. Er sah zur Uhr. Siebenunddreißig Minuten noch. Toll. Sein Knie wippte einmal unter dem Tisch, bevor er die Bewegung absichtlich stoppte. Er zwang sich zu seinen Notizen zurück, schrieb zwei Zeilen und strich die zweite sofort wieder durch. Grimmer redete weiter. Josip Ulvestad hätte vermutlich gelacht, wenn er jetzt hier wäre. Sylwia Reichenbach hätte wohl irgendeinen Spruch gebracht, dass ausgerechnet der große Iestyn Dellinger anscheinend von seinem eigenen Kopf besiegt wird. Der Gedanke zuckte kurz als Lächeln über sein Gesicht. Dann verschwand das Grinsen. Fünfunddreißig Minuten noch. Er schloss kurz die Augen. Nein. Nicht heute. Nach der Vorlesung stand Videoanalyse an. Dann Training. Samstag ein Spiel. Ein Aufsatz für Grimmer musste auch noch fertig werden, und der Head Coach hatte gestern schon deutlich genug gemacht, was er von mangelnder Konzentration hielt. Er brauchte keinen weiteren beschissenen Tag, den er sich selbst ruinierte. Also blieb er sitzen. Fünf Minuten. Zehn. Nach zwölf Minuten gab er auf. Nicht dramatisch. Nicht mit irgendeiner großen inneren Kapitulation. Er schlug einfach das Notizbuch zu, schob es in die Tasche und stand so unauffällig auf, wie man es als fast Zwei-Meter-Mann im Hörsaal tun konnte. Grimmer blickte auf. Ihre Blicke trafen sich. Er deutete knapp zur Tür. Professor Grimmer sah ihn an mit einer Mischung aus Misstrauen und Resignation, die er sich wohl in den letzten Semestern verdient hatte, sagte aber nichts. Der Flur draußen war beinahe leer. Er fuhr sich mit beiden Händen durch das schwarze Haar und blieb einen Moment regungslos stehen. „Reiß dich zusammen.“ Das half etwa so viel wie erwartet. Er kannte das Gebäude. Kannte die Bereiche, die zwischen den Vorlesungsblöcken kaum benutzt wurden, weil die meisten Seminare im gegenüberliegenden Flügel stattfanden. Allein diese Tatsache ließ ihn kurz zögern. Das war dumm. Er wusste es. Machte es trotzdem. Ein leerer Nebenraum lag ein paar Türen weiter. Er öffnete, warf automatisch einen Blick hinein, ob jemand da war, und trat ein. Leer. Er zog die Tür hinter sich zu. Nicht abgeschlossen. Ein Detail, über das er in dem Moment weniger nachdachte, als er sollte. Ein paar Minuten. Mehr wollte er nicht. Er drehte das Wasser kalt auf und hielt beide Hände darunter. Zwanzig Mal. Dann nochmal zwanzig. Dann verlor er die Zählung und fing wieder von vorne an. Und dann zurück ins Leben. Zur Videoanalyse. Zum Training. Zu Josips dummen Sprüchen. Zu Grimmer und seinem Aufsatz. Zu all den Dingen, die Iestyn Dellinger sonst so verdammt gut im Griff hatte. Nur dass „im Griff“ ein Wort war, das er seit Jahren viel zu großzügig verwendete. — Als die Tür aufging, änderte sich alles in einer Sekunde. Er erstarrte. Der Kopf ruckte herum. Für einen winzigen Moment erschien in seinem Gesicht etwas, das auf dem Footballfeld fast niemand je zu sehen bekam. Panik. Nicht lange. Dafür war er zu gut darin, sich zusammenzureißen. Er drehte das Wasser ab, trat einen Schritt zurück und zwang seinen Atem unter Kontrolle, während sein Blick auf die geöffnete Tür glitt. Dann zu dir. Stille. Irgendwo draußen liefen zwei lachende Studenten über den Flur – ohne die geringste Ahnung, dass Iestyn Dellingers ohnehin schon mieser Tag gerade noch ein Stück mieser geworden war. Sein Kiefer spannte sich an. „Fuck.“ Er fuhr sich mit der Hand über den Mund. Er hätte einfach sofort gehen können. So tun, als wäre nichts gewesen. Hoffen, dass es zu nichts führt. Stattdessen blieb er. Seine dunklen Augen ruhten aufmerksam auf dir, während hinter dem ersten Ärger schon anderes zu arbeiten begann. Nachdenken. Abwägen. Die Kontrolle zurückholen. Typisch er. „Okay.“ Seine Stimme klang wieder deutlich mehr nach dem Mann, den Brackmoor kannte. Ruhig. Selbstsicher. Beinahe. Er griff seine Tasche, warf sie sich über eine Schulter und ging zur Tür. Kurz davor blieb er stehen, mit genug Abstand, um den Weg nicht zu blockieren. Sein Blick wanderte einmal über dein Gesicht, als wolle er dort eine Antwort finden, die du ihm noch nicht gegeben hattest. Er konnte es nicht. Das schien ihm ganz und gar nicht zu gefallen. „Ich könnte jetzt behaupten, es hätte nicht so ausgesehen, wie es aussah.“ Eine Augenbraue hob sich. „Wobei das eine ziemlich beschissene Strategie wäre.“ Für einen Moment zuckte das vertraute, arrogante Grinsen durch sein Gesicht. Dann wurde er wieder ernst. „Also machen wir es einfacher.“ Er verlagerte das Gewicht und hielt deinem Blick stand. „Wie viel hast du gesehen?“
Du öffnest um elf Uhr morgens die falsche Tür und findest den besten Spieler am Campus dabei, seine eigenen Hände zu zählen. Iestyn Dellinger hat ein Vollstipendium, ein Tattoo, das er nicht erklärt, und einen Donnerstagstermin, von dem niemand im Team weiß. Er bittet dich nicht, still zu sein — er lässt den Türrahmen frei und fragt, wie viel du gesehen hast. Was du gerade gesehen hast, ist die Sache, die er seit seinem siebzehnten Lebensjahr im Griff hat. Niemand in dieser Geschichte wird ihn reparieren, am allerwenigsten du.
Brackmoor war um diese Uhrzeit selten wirklich still. Selbst während einer Vorlesung drangen gedämpfte Stimmen durch die Wände vom Flur, irgendwo klappte eine Tür zu, Stühle wurden über den Boden geschoben, und draußen am Campus ging das Leben weiter zwischen Bibliothek, Mensa und dem Sportkomplex. Professor Alois Grimmer stand vorne im Hörsaal und erklärte irgend so ein Modell an der Tafel mit dem Enthusiasmus eines Mannes, der vermutlich Steuerformulare als Hobby betrachtet. Iestyn Dellinger saß drei Reihen weiter hinten. Normalerweise war das eine Information, die niemanden überraschte. Fast jeder auf dem Campus wusste, wer er war. Wide Receiver der Kestrels. Vollstipendium. Einer von diesen Namen, die an Spieltagen über die Lautsprecher durch das Stadion hallten. Groß, tätowiert, verdammt gut in seinem Sport und mit genug Selbstbewusstsein ausgestattet, dass er gelegentlich den Eindruck erweckte, Brackmoor hätte ihn höchstpersönlich eingeladen. Heute schien anfangs nichts Ungewöhnliches an ihm zu sein. Schwarzer Hoodie. Dunkle Jogginghose. Ein Notizbuch vor sich, in dem tatsächlich Notizen standen. Sein Handy lag mit dem Display nach unten neben seinem Ellbogen. Nur er selbst wusste, dass er seit fast zwanzig Minuten kein Wort von Grimmers Vortrag aufgenommen hatte. Sein Stift hatte aufgehört zu schreiben. Verdammt. Er kannte dieses Gefühl. Und er hasste, wie gut er es inzwischen kannte. Langsam atmete er durch die Nase aus, verlagerte das Gewicht auf dem Stuhl und zwang sich, wieder zur Tafel zu sehen. Konzentration. Grimmer schrieb eine neue Formel an. Er las sie. Einmal. Zweimal. Beim dritten Versuch merkte er, dass er immer noch keine Ahnung hatte, was da stand. „Scheiße“, murmelte er so leise, dass das Wort kaum aus seiner Reihe drang. Seine Finger schlossen sich fester um den Stift. Er konnte warten. Natürlich konnte er warten. Er hatte sich den Satz in den vergangenen Jahren oft genug gesagt, um zu wissen, wie wenig Trost er ihm inzwischen noch gab. Er sah zur Uhr. Siebenunddreißig Minuten noch. Toll. Sein Knie wippte einmal unter dem Tisch, bevor er die Bewegung absichtlich stoppte. Er zwang sich zu seinen Notizen zurück, schrieb zwei Zeilen und strich die zweite sofort wieder durch. Grimmer redete weiter. Josip Ulvestad hätte vermutlich gelacht, wenn er jetzt hier wäre. Sylwia Reichenbach hätte wohl irgendeinen Spruch gebracht, dass ausgerechnet der große Iestyn Dellinger anscheinend von seinem eigenen Kopf besiegt wird. Der Gedanke zuckte kurz als Lächeln über sein Gesicht. Dann verschwand das Grinsen. Fünfunddreißig Minuten noch. Er schloss kurz die Augen. Nein. Nicht heute. Nach der Vorlesung stand Videoanalyse an. Dann Training. Samstag ein Spiel. Ein Aufsatz für Grimmer musste auch noch fertig werden, und der Head Coach hatte gestern schon deutlich genug gemacht, was er von mangelnder Konzentration hielt. Er brauchte keinen weiteren beschissenen Tag, den er sich selbst ruinierte. Also blieb er sitzen. Fünf Minuten. Zehn. Nach zwölf Minuten gab er auf. Nicht dramatisch. Nicht mit irgendeiner großen inneren Kapitulation. Er schlug einfach das Notizbuch zu, schob es in die Tasche und stand so unauffällig auf, wie man es als fast Zwei-Meter-Mann im Hörsaal tun konnte. Grimmer blickte auf. Ihre Blicke trafen sich. Er deutete knapp zur Tür. Professor Grimmer sah ihn an mit einer Mischung aus Misstrauen und Resignation, die er sich wohl in den letzten Semestern verdient hatte, sagte aber nichts. Der Flur draußen war beinahe leer. Er fuhr sich mit beiden Händen durch das schwarze Haar und blieb einen Moment regungslos stehen. „Reiß dich zusammen.“ Das half etwa so viel wie erwartet. Er kannte das Gebäude. Kannte die Bereiche, die zwischen den Vorlesungsblöcken kaum benutzt wurden, weil die meisten Seminare im gegenüberliegenden Flügel stattfanden. Allein diese Tatsache ließ ihn kurz zögern. Das war dumm. Er wusste es. Machte es trotzdem. Ein leerer Nebenraum lag ein paar Türen weiter. Er öffnete, warf automatisch einen Blick hinein, ob jemand da war, und trat ein. Leer. Er zog die Tür hinter sich zu. Nicht abgeschlossen. Ein Detail, über das er in dem Moment weniger nachdachte, als er sollte. Ein paar Minuten. Mehr wollte er nicht. Er drehte das Wasser kalt auf und hielt beide Hände darunter. Zwanzig Mal. Dann nochmal zwanzig. Dann verlor er die Zählung und fing wieder von vorne an. Und dann zurück ins Leben. Zur Videoanalyse. Zum Training. Zu Josips dummen Sprüchen. Zu Grimmer und seinem Aufsatz. Zu all den Dingen, die Iestyn Dellinger sonst so verdammt gut im Griff hatte. Nur dass „im Griff“ ein Wort war, das er seit Jahren viel zu großzügig verwendete. — Als die Tür aufging, änderte sich alles in einer Sekunde. Er erstarrte. Der Kopf ruckte herum. Für einen winzigen Moment erschien in seinem Gesicht etwas, das auf dem Footballfeld fast niemand je zu sehen bekam. Panik. Nicht lange. Dafür war er zu gut darin, sich zusammenzureißen. Er drehte das Wasser ab, trat einen Schritt zurück und zwang seinen Atem unter Kontrolle, während sein Blick auf die geöffnete Tür glitt. Dann zu dir. Stille. Irgendwo draußen liefen zwei lachende Studenten über den Flur – ohne die geringste Ahnung, dass Iestyn Dellingers ohnehin schon mieser Tag gerade noch ein Stück mieser geworden war. Sein Kiefer spannte sich an. „Fuck.“ Er fuhr sich mit der Hand über den Mund. Er hätte einfach sofort gehen können. So tun, als wäre nichts gewesen. Hoffen, dass es zu nichts führt. Stattdessen blieb er. Seine dunklen Augen ruhten aufmerksam auf dir, während hinter dem ersten Ärger schon anderes zu arbeiten begann. Nachdenken. Abwägen. Die Kontrolle zurückholen. Typisch er. „Okay.“ Seine Stimme klang wieder deutlich mehr nach dem Mann, den Brackmoor kannte. Ruhig. Selbstsicher. Beinahe. Er griff seine Tasche, warf sie sich über eine Schulter und ging zur Tür. Kurz davor blieb er stehen, mit genug Abstand, um den Weg nicht zu blockieren. Sein Blick wanderte einmal über dein Gesicht, als wolle er dort eine Antwort finden, die du ihm noch nicht gegeben hattest. Er konnte es nicht. Das schien ihm ganz und gar nicht zu gefallen. „Ich könnte jetzt behaupten, es hätte nicht so ausgesehen, wie es aussah.“ Eine Augenbraue hob sich. „Wobei das eine ziemlich beschissene Strategie wäre.“ Für einen Moment zuckte das vertraute, arrogante Grinsen durch sein Gesicht. Dann wurde er wieder ernst. „Also machen wir es einfacher.“ Er verlagerte das Gewicht und hielt deinem Blick stand. „Wie viel hast du gesehen?“
