Der beste Spieler auf dem Campus ist seit zwei Jahren davon ausgegangen, dass du niemals gehen würdest – und heute Abend hat er zugeschaut, wie du wortlos aus der Sporthalle gelaufen bist.
Weston Quintrell mochte Spiele, die eindeutig entschieden wurden. Kein knappes Ergebnis. Keine Verlängerung. Keine letzten Sekunden, in denen irgendein verdammter Glückstreffer darüber entschied, ob man für die nächsten drei Tage gefeiert oder ausgelacht wurde. Ein Unterschied von einundzwanzig Punkten. Damit konnte er arbeiten. Die Halle war immer noch laut, obwohl die Sirene schon seit fast zehn Minuten verstummt war. Musik dröhnte aus den Lautsprechern. Schüler standen auf den Tribünen. Irgendwo rief jemand seinen Namen. Weston ignorierte das meist. Er war es gewohnt. Er zog das schwarze Trikot etwas von seinem Körper weg und wischte sich damit übers Gesicht. Schweiß klebte in seinem Nacken. Die längeren Haare auf seinem Oberkopf waren völlig zerzaust und hingen teilweise über seine Stirn, während die an den Seiten kurz rasierten Haare seines Undercuts feucht glänzten. „Quintrell!“ Weston hob eine Hand. Mehr nicht. Das reichte wohl schon. Von den Tribünen ertönte erneut Jubel. Denzil tauchte neben ihm auf und schlug ihm so fest auf die Schulter, dass Weston einen halben Schritt zur Seite machte. „Du widerlicher Bastard.“ Weston grinste. „Neid steht dir nicht.“ „Ich hab zwölf Punkte gemacht.“ „Süß.“ Denzil blieb abrupt stehen. „Süß?“ Weston zog eine Augenbraue hoch. Das kleine silberne Barbell darin fing kurz das Licht der Hallendecke auf. „Willst du eine Urkunde?“ Denzil zeigte ihm den Mittelfinger. Weston lachte. Barney tauchte hinter ihnen auf und legte einen Arm um beide Schultern. „Heute Abend bei Dacey.“ Weston verzog das Gesicht. „Dacey hat beim letzten Mal die halbe Bude zerlegt.“ „Dann ist die andere Hälfte noch übrig.“ „Überzeugendes Argument.“ Harold kam wie immer etwas langsamer hinterher. Kein Rufen. Kein übertriebenes Feiern. Nur dieses kleine Grinsen, das bei Harold wohl schon als emotionale Eskalation galt. Kenneth hingegen sah aus, als hätte er gerade ganz allein die Meisterschaft gewonnen. „Habt ihr gehört, wie laut die waren?“ Denzil sah ihn an. „Nein, Kenneth. Leider waren wir nicht da.“ „Halt verdammt nochmal die Klappe.“ Weston schnaubte. Sein Blick wanderte automatisch über die Tribünen. Nicht bewusst. Zumindest redete er sich das ein. Er wusste trotzdem genau, wonach er suchte. Nach dir. Dort. Ein paar Reihen weiter unten. Weston bemerkte dich sofort. Wie immer. Mittlerweile war das so selbstverständlich wie atmen. Er musste nicht überlegen, wo du sitzt. Musste nicht suchen. Sein Blick fand dich einfach. Ein kaum bemerkbares Lächeln huschte über seine Lippen. Gut. Du warst geblieben. Natürlich warst du geblieben. Schließlich hatte Weston heute Morgen gesagt, dass er nach dem Spiel noch mit dem Team bleibt. Vielleicht zwanzig Minuten. Höchstens eine halbe Stunde. Danach könnten sie gemeinsam gehen. So war zumindest der Plan gewesen. „Weston!“ Eine Frauenstimme zerschnitt seine Gedanken. Er kannte sie. Natürlich. Cagney. Weston drehte gerade noch rechtzeitig den Kopf, bevor zwei Arme sich um seinen Hals legten. Cagney Haddington roch nach irgendeinem viel zu teuren Parfüm. Süß. Warm. Und für den Moment viel zu intensiv, als sie praktisch in seinem Gesicht hing. „Du warst unglaublich.“ Weston griff automatisch nach ihrem Arm, damit sie ihn nicht aus dem Gleichgewicht brachte. „Ich weiß.“ Cagney lehnte sich gerade so weit zurück, dass sie ihn ansehen konnte. „Bescheiden wie immer.“ „Warum falsche Bescheidenheit?“ Sie lachte. Denzil stöhnte theatralisch hinter ihm. „Oh Gott. Jetzt schmiert sie auch noch sein Ego.“ „Als ob da noch Platz wäre.“ Harold murmelte etwas Unverständliches. Weston ignorierte sie. Nicht Cagney. Die stand immer noch viel zu nah. Eine Hand lag auf seiner Schulter. Die andere glitt über seinen Oberarm. Direkt über die dunklen Linien seines Tattoos. Weston merkte es. Natürlich merkte er es. Er war schließlich nicht blind. Aber er trat trotzdem zurück. Warum auch nicht? Cagney war eben Cagney. Sie war immer so. Körperkontakt war bei ihr praktisch bedeutungslos. Bei dir war das jedoch anders. „Du bist klatschnass geschwitzt.“ Ihr Gesicht verzog sich. Weston grinste. „Und trotzdem klammerst du dich an mich.“ „Vielleicht mag ich dich so.“ Denzil machte ein Würgegeräusch. „Sucht euch ein Zimmer.“ Weston sah an Cagneys Schulter vorbei zu ihm. „Eifersüchtig?“ „Auf sie?“ Denzil zeigte auf Cagney. „Niemals.“ Cagney drehte sich halb zu ihm. „Du wärst froh, wenn ich dich überhaupt beachte.“ „Du beachtest mich gerade.“ „Leider.“ Barney lachte. Kenneth auch. Sogar Weston musste grinsen. Cagney nutzte genau diesen Moment, um sich noch näher an ihn zu lehnen. Ihre Hand wanderte von seiner Schulter in seinen Nacken. Dann durch die längeren Haare auf seinem Kopf. Weston verzog das Gesicht. „Hände weg.“ „Warum?“ „Weil du’s schlimmer machst.“ „Ich rette es.“ „Du ruinierst es.“ „Das ist dasselbe, nur besser.“ Trotzdem fuhr sie noch einmal durch seine Haare. Weston schob schließlich ihre Hand weg. Nicht grob. Eher beiläufig. Cagney grinste, als hätte sie gewonnen. Was auch immer. Weston sah zurück zu den Tribünen. Du warst immer noch da. Sein Blick blieb kurz hängen. Irgendwas war anders. Nicht auffällig. Keine Szene. Keine sichtbare Wut. Eigentlich das genaue Gegenteil. Ruhig. Vielleicht zu ruhig. Weston runzelte leicht die Stirn. Denzil bemerkte seinen Blick. Natürlich. Der Kerl lebte schließlich dafür, in Dinge reinzuquatschen, die ihn nichts angingen. „Ähm.“ Weston sah ihn an. „Was?“ „Nichts.“ „Dann halt die Klappe.“ „Ich hab doch gar nichts gesagt.“ „Dein Blick schon.“ Denzil grinste. „Ich dachte nur, du kriegst später wieder Ärger.“ Cagney legte den Kopf schief. „Wegen mir?“ Barney lachte. „Wegen wem sonst?“ Weston rollte mit den Augen. „Ich krieg keinen Ärger.“ Denzil sah ihn an. Dann zu den Tribünen. Dann wieder zu Weston. Das Grinsen wurde breiter. „Na klar.“ „Was soll das heißen?“ „Nichts.“ „Denzil.“ „Ist aber so.“ Denzil hob beide Hände. „Du kannst doch eh machen, was du willst.“ Kenneth grinste. Barney auch. Weston hätte widersprechen können. Tat er aber nicht. Weil… ja. Denzil lag nicht völlig daneben. Weston war jetzt fast zwei Jahre mit dir zusammen. Zwei Jahre. Länger als jede Beziehung, die seine Freunde bisher geschafft hatten. Und in diesen zwei Jahren hatten sie gestritten. Nicht nur einmal. Über Partys. Über seine Freunde. Über Cagney. Über irgendwelche Nachrichten. Über Bilder. Über Dinge, die Weston meistens nach zehn Minuten schon wieder unwichtig fand. Und doch waren sie immer noch zusammen. Weil sie sich liebten. So einfach war das. Du kanntest ihn. Wusstest, wie er war. Und Weston hatte nie behauptet, er würde plötzlich zum perfekten Vorzeige-Freund, nur weil er jetzt in einer Beziehung war. Er ging auf Partys. Er flirtete manchmal. Früher hat er sich anfassen lassen. Jetzt nicht mehr. Aber er ging immer noch nach Hause zu dir. Er küsste dich. Schlief neben dir ein. Kauft dir etwas, wenn er wusste, dass er’s versaut hatte. Er wusste sogar jetzt schon, in welches kleine Café er morgen gehen würde, weil du das Teilchen da so mochtest. Weston zeigte es eben auf seine Weise. Das musste doch zählen, oder? „Quintrell.“ Denzil schnippte ihm vor dem Gesicht mit den Fingern. Weston schlug seine Hand weg. „Was?“ „Cagney hat gefragt, ob du heute Abend kommst.“ Weston sah sie an. Inzwischen stand sie neben ihm. Eine Hand lag immer noch locker auf seiner Schulter. „Zu Dacey?“ „Mhm.“ „Vielleicht.“ Cagneys Mundwinkel hoben sich. „Das heißt ja.“ „Das heißt vielleicht.“ „Bei dir heißt vielleicht immer ja.“ „Interessante Theorie.“ Sie lehnte sich erneut ein wenig näher. „Ich teste sie.“ Weston sah zurück zu den Tribünen. Du hattest dich bewegt. Nicht viel. Aber immerhin. Denzil fiel es auch auf. „Oh.“ Weston warf ihm einen Blick zu. „Was jetzt?“ Denzil biss sich merklich auf die Wange, um nicht loszulachen. „Nichts.“ „Sag schon.“ „Ich glaube, dein Fanclub hat genug.“ Weston schaute noch einmal. Seine Stirn legte sich in Falten. Das gefiel ihm nicht. Nicht, weil er dachte, dass wirklich etwas war. Sondern, weil er keine Lust hatte, später mal wieder zu diskutieren, dass Cagney ihn angefasst hatte. Schon wieder. Als hätte Weston darum gebeten. „Ernsthaft.“ Denzil lehnte sich ein bisschen näher. „Wie hältst du das eigentlich aus?“ Weston schaute ihn an. „Was?“ Denzil deutete unauffällig Richtung Tribünen. „Dieses ständige Eifersuchtsding.“ Harold hob sofort den Kopf. „Denzil.“ „Was?“ „Lass es.“ Denzil ignorierte ihn. Natürlich. „Ich sagte: Lass es.“ „Ich würde durchdrehen.“ Barney nickte. „Ein bisschen schon.“ Weston hätte das Thema einfach abwürgen können. Ein Satz. Halts Maul. Fertig. Tat er aber nicht. Stattdessen zuckte er mit einer Schulter. „Man gewöhnt sich dran.“ Denzil lachte. Barney auch. Kenneth grinste unsicher. Cagney lächelte. Harold nicht. Weston sah es. Dieses kurze, missbilligende Zusammenziehen seiner Augenbrauen. „Sieh jetzt nicht so aus.“ Harold verschränkte die Arme. „Wie denn?“ „Wie mein Therapeut.“ „Um Gottes willen.“ Denzil lachte wieder. Weston auch. Nur kurz. Dann fiel sein Blick erneut auf dich. Und diesmal verschwand das Grinsen etwas schneller. Denn du sahst nicht aus wie sonst. Normalerweise wusste Weston ziemlich genau, wann Ärger im Anmarsch war. Er kannte jedes Zeichen. Die Körperspannung. Den Blick. Wie du Abstand hieltest. Die Stimmung im Auto. Das Schweigen. All das. Aber diesmal war keines davon da. Keine sichtbare Eifersucht. Keine erkennbare Wut. Keine genervte Reaktion auf Cagney. Nichts. Weston hätte erleichtert sein sollen. Das war genau das, was er sich seit Monaten wünschte. Keine Diskussion. Kein Drama. Kein: Warum lässt du sie das machen? Kein: Wie würdest du dich fühlen, wenn ich das täte? Kein verdammter Streit um Dinge, die Weston unwichtig fand. Perfekt. Also warum störte es ihn? Cagney zupfte an seinem Arm. „Komm schon.“ Weston sah sie an. „Wohin?“ „Foto.“ „Nein.“ „Weston.“ „Cagney.“ „Nur eins.“ „Du lädst es eh hoch.“ „Natürlich.“ „Dann erst recht nicht.“ Trotzdem zog sie weiter. Denzil rief: „Mach halt, Prinzessin.“ Weston streckte ihm den Mittelfinger entgegen. Cagney positionierte sich bereits vor ihm. Dann neben ihm. Eine Hand an seiner Brust. Ihr Körper dicht an seiner Seite. Weston seufzte. „Fünf Sekunden.“ Sie grinste. „Mehr brauch ich nicht.“ Jemand hielt ein Handy hoch. Weston sah in die Kamera. Dieses typische halb gelangweilte, halb arrogante Grinsen. Cagney legte ihren Kopf auf seine Schulter. Klick. Noch eins. Ihre Hand wanderte höher. Klick. Beim dritten Foto küsste sie ihn plötzlich auf die Wange. Weston blinzelte. „Ernsthaft?“ Cagney zog sich lachend zurück. „Das war süß.“ Denzil pfiff. Barney prustete los. Kenneth schlug sich die Hand vor den Mund. Und Weston? Weston lachte überhaupt nicht. Weil die Situation lächerlich war. Weil Cagney grinste. Weil Denzil irgendeinen Scheiß über Lippenstift an seinem Ohr sagte. Weil es leichter war, auf den Boden zu schauen. Dann sah er zu den Tribünen. Und du warst nicht mehr da. Westons Lächeln blieb noch einen Moment. Vielleicht zwei Sekunden. Dann war es weg. Er suchte die Reihe ab. Nichts. Sein Blick glitt zum Ausgang. Keine Ahnung, wann du gegangen warst. Verdammt. „Was?“ Denzil merkte natürlich sofort, dass Weston nicht mehr zuhörte. „Nichts.“ Weston griff nach seiner Sporttasche. Harold sah zu den Tribünen. Dann zu Weston. „Weg.“ Weston warf ihm einen Blick zu. „Hab’s gesehen.“ „Offensichtlich.“ Weston schulterte seine Tasche. Cagney runzelte die Stirn. „Wohin gehst du?“ „Umziehen.“ „Wir wollten—“ „Später.“ Er ging. Nicht schnell. Ganz sicher nicht. Weston Quintrell lief niemandem hinterher. Erst recht nicht ohne Grund. Du warst wahrscheinlich einfach schon zum Parkplatz gegangen. Vielleicht zur Toilette. Vielleicht hatte jemand geschrieben. Kein Drama. Alles gut. Und selbst wenn du sauer warst… Weston wusste, wie das lief. Er würde später vorbeifahren. Vielleicht unterwegs noch an dem kleinen Laden anhalten. Du mochtest diese silbernen Armbänder. Oder er bringt was zu essen mit. Etwas Süßes. Ein paar Worte. Ein Kuss. Fertig. Keine Entschuldigung. Weston schob die Tür zur Umkleidekabine auf. Dann hielt er kurz inne. Harolds Stimme von hinten. Ruhig. Viel zu ruhig. „Du solltest vielleicht nicht immer davon ausgehen, dass alles läuft wie sonst.“ Weston drehte den Kopf. „Was soll das heißen?“ Harold zuckte mit einer Schulter. „Nur so.“ Weston schnaubte. „Du liebst mich.“ Harold sah ihn ein paar Sekunden an. Kein Grinsen. Kein Spruch. Nichts. „Daran hab ich nie gezweifelt.“ Weston wartete. Harold ging an ihm vorbei. Dann hielt er noch einmal kurz inne. „Aber vielleicht reicht Liebe eines Tages nicht mehr.“ Weston lachte leise. Nicht, weil es besonders lustig war. Sondern weil alles andere absurd gewesen wäre. Du würdest ihn nicht verlassen. Nicht wirklich. Vielleicht sauer sein. Vielleicht morgen nicht antworten. Vielleicht zwei Tage schmollen. Aber verlassen? Nein. Weston kannte dich. Du liebtest ihn. Mehr als alles andere. Und deshalb war Weston sich sicher: Egal, wie oft er’s vermasselt. Egal, wie oft Cagney zu weit ging. Egal, wie oft seine Freunde einen blöden Spruch machten. Am Ende würdest du trotzdem da sein. Weston musste sich nur ein bisschen Mühe geben. Vielleicht ein Geschenk. Vielleicht Blumen. Vielleicht einfach dieses eine Lächeln, von dem er wusste, dass du nie lange widerstehen konntest. Alles machbar. Wie immer. Zumindest glaubte das Weston.
Der beste Spieler auf dem Campus ist seit zwei Jahren davon ausgegangen, dass du niemals gehen würdest – und heute Abend hat er zugeschaut, wie du wortlos aus der Sporthalle gelaufen bist.
Weston Quintrell mochte Spiele, die eindeutig entschieden wurden. Kein knappes Ergebnis. Keine Verlängerung. Keine letzten Sekunden, in denen irgendein verdammter Glückstreffer darüber entschied, ob man für die nächsten drei Tage gefeiert oder ausgelacht wurde. Ein Unterschied von einundzwanzig Punkten. Damit konnte er arbeiten. Die Halle war immer noch laut, obwohl die Sirene schon seit fast zehn Minuten verstummt war. Musik dröhnte aus den Lautsprechern. Schüler standen auf den Tribünen. Irgendwo rief jemand seinen Namen. Weston ignorierte das meist. Er war es gewohnt. Er zog das schwarze Trikot etwas von seinem Körper weg und wischte sich damit übers Gesicht. Schweiß klebte in seinem Nacken. Die längeren Haare auf seinem Oberkopf waren völlig zerzaust und hingen teilweise über seine Stirn, während die an den Seiten kurz rasierten Haare seines Undercuts feucht glänzten. „Quintrell!“ Weston hob eine Hand. Mehr nicht. Das reichte wohl schon. Von den Tribünen ertönte erneut Jubel. Denzil tauchte neben ihm auf und schlug ihm so fest auf die Schulter, dass Weston einen halben Schritt zur Seite machte. „Du widerlicher Bastard.“ Weston grinste. „Neid steht dir nicht.“ „Ich hab zwölf Punkte gemacht.“ „Süß.“ Denzil blieb abrupt stehen. „Süß?“ Weston zog eine Augenbraue hoch. Das kleine silberne Barbell darin fing kurz das Licht der Hallendecke auf. „Willst du eine Urkunde?“ Denzil zeigte ihm den Mittelfinger. Weston lachte. Barney tauchte hinter ihnen auf und legte einen Arm um beide Schultern. „Heute Abend bei Dacey.“ Weston verzog das Gesicht. „Dacey hat beim letzten Mal die halbe Bude zerlegt.“ „Dann ist die andere Hälfte noch übrig.“ „Überzeugendes Argument.“ Harold kam wie immer etwas langsamer hinterher. Kein Rufen. Kein übertriebenes Feiern. Nur dieses kleine Grinsen, das bei Harold wohl schon als emotionale Eskalation galt. Kenneth hingegen sah aus, als hätte er gerade ganz allein die Meisterschaft gewonnen. „Habt ihr gehört, wie laut die waren?“ Denzil sah ihn an. „Nein, Kenneth. Leider waren wir nicht da.“ „Halt verdammt nochmal die Klappe.“ Weston schnaubte. Sein Blick wanderte automatisch über die Tribünen. Nicht bewusst. Zumindest redete er sich das ein. Er wusste trotzdem genau, wonach er suchte. Nach dir. Dort. Ein paar Reihen weiter unten. Weston bemerkte dich sofort. Wie immer. Mittlerweile war das so selbstverständlich wie atmen. Er musste nicht überlegen, wo du sitzt. Musste nicht suchen. Sein Blick fand dich einfach. Ein kaum bemerkbares Lächeln huschte über seine Lippen. Gut. Du warst geblieben. Natürlich warst du geblieben. Schließlich hatte Weston heute Morgen gesagt, dass er nach dem Spiel noch mit dem Team bleibt. Vielleicht zwanzig Minuten. Höchstens eine halbe Stunde. Danach könnten sie gemeinsam gehen. So war zumindest der Plan gewesen. „Weston!“ Eine Frauenstimme zerschnitt seine Gedanken. Er kannte sie. Natürlich. Cagney. Weston drehte gerade noch rechtzeitig den Kopf, bevor zwei Arme sich um seinen Hals legten. Cagney Haddington roch nach irgendeinem viel zu teuren Parfüm. Süß. Warm. Und für den Moment viel zu intensiv, als sie praktisch in seinem Gesicht hing. „Du warst unglaublich.“ Weston griff automatisch nach ihrem Arm, damit sie ihn nicht aus dem Gleichgewicht brachte. „Ich weiß.“ Cagney lehnte sich gerade so weit zurück, dass sie ihn ansehen konnte. „Bescheiden wie immer.“ „Warum falsche Bescheidenheit?“ Sie lachte. Denzil stöhnte theatralisch hinter ihm. „Oh Gott. Jetzt schmiert sie auch noch sein Ego.“ „Als ob da noch Platz wäre.“ Harold murmelte etwas Unverständliches. Weston ignorierte sie. Nicht Cagney. Die stand immer noch viel zu nah. Eine Hand lag auf seiner Schulter. Die andere glitt über seinen Oberarm. Direkt über die dunklen Linien seines Tattoos. Weston merkte es. Natürlich merkte er es. Er war schließlich nicht blind. Aber er trat trotzdem zurück. Warum auch nicht? Cagney war eben Cagney. Sie war immer so. Körperkontakt war bei ihr praktisch bedeutungslos. Bei dir war das jedoch anders. „Du bist klatschnass geschwitzt.“ Ihr Gesicht verzog sich. Weston grinste. „Und trotzdem klammerst du dich an mich.“ „Vielleicht mag ich dich so.“ Denzil machte ein Würgegeräusch. „Sucht euch ein Zimmer.“ Weston sah an Cagneys Schulter vorbei zu ihm. „Eifersüchtig?“ „Auf sie?“ Denzil zeigte auf Cagney. „Niemals.“ Cagney drehte sich halb zu ihm. „Du wärst froh, wenn ich dich überhaupt beachte.“ „Du beachtest mich gerade.“ „Leider.“ Barney lachte. Kenneth auch. Sogar Weston musste grinsen. Cagney nutzte genau diesen Moment, um sich noch näher an ihn zu lehnen. Ihre Hand wanderte von seiner Schulter in seinen Nacken. Dann durch die längeren Haare auf seinem Kopf. Weston verzog das Gesicht. „Hände weg.“ „Warum?“ „Weil du’s schlimmer machst.“ „Ich rette es.“ „Du ruinierst es.“ „Das ist dasselbe, nur besser.“ Trotzdem fuhr sie noch einmal durch seine Haare. Weston schob schließlich ihre Hand weg. Nicht grob. Eher beiläufig. Cagney grinste, als hätte sie gewonnen. Was auch immer. Weston sah zurück zu den Tribünen. Du warst immer noch da. Sein Blick blieb kurz hängen. Irgendwas war anders. Nicht auffällig. Keine Szene. Keine sichtbare Wut. Eigentlich das genaue Gegenteil. Ruhig. Vielleicht zu ruhig. Weston runzelte leicht die Stirn. Denzil bemerkte seinen Blick. Natürlich. Der Kerl lebte schließlich dafür, in Dinge reinzuquatschen, die ihn nichts angingen. „Ähm.“ Weston sah ihn an. „Was?“ „Nichts.“ „Dann halt die Klappe.“ „Ich hab doch gar nichts gesagt.“ „Dein Blick schon.“ Denzil grinste. „Ich dachte nur, du kriegst später wieder Ärger.“ Cagney legte den Kopf schief. „Wegen mir?“ Barney lachte. „Wegen wem sonst?“ Weston rollte mit den Augen. „Ich krieg keinen Ärger.“ Denzil sah ihn an. Dann zu den Tribünen. Dann wieder zu Weston. Das Grinsen wurde breiter. „Na klar.“ „Was soll das heißen?“ „Nichts.“ „Denzil.“ „Ist aber so.“ Denzil hob beide Hände. „Du kannst doch eh machen, was du willst.“ Kenneth grinste. Barney auch. Weston hätte widersprechen können. Tat er aber nicht. Weil… ja. Denzil lag nicht völlig daneben. Weston war jetzt fast zwei Jahre mit dir zusammen. Zwei Jahre. Länger als jede Beziehung, die seine Freunde bisher geschafft hatten. Und in diesen zwei Jahren hatten sie gestritten. Nicht nur einmal. Über Partys. Über seine Freunde. Über Cagney. Über irgendwelche Nachrichten. Über Bilder. Über Dinge, die Weston meistens nach zehn Minuten schon wieder unwichtig fand. Und doch waren sie immer noch zusammen. Weil sie sich liebten. So einfach war das. Du kanntest ihn. Wusstest, wie er war. Und Weston hatte nie behauptet, er würde plötzlich zum perfekten Vorzeige-Freund, nur weil er jetzt in einer Beziehung war. Er ging auf Partys. Er flirtete manchmal. Früher hat er sich anfassen lassen. Jetzt nicht mehr. Aber er ging immer noch nach Hause zu dir. Er küsste dich. Schlief neben dir ein. Kauft dir etwas, wenn er wusste, dass er’s versaut hatte. Er wusste sogar jetzt schon, in welches kleine Café er morgen gehen würde, weil du das Teilchen da so mochtest. Weston zeigte es eben auf seine Weise. Das musste doch zählen, oder? „Quintrell.“ Denzil schnippte ihm vor dem Gesicht mit den Fingern. Weston schlug seine Hand weg. „Was?“ „Cagney hat gefragt, ob du heute Abend kommst.“ Weston sah sie an. Inzwischen stand sie neben ihm. Eine Hand lag immer noch locker auf seiner Schulter. „Zu Dacey?“ „Mhm.“ „Vielleicht.“ Cagneys Mundwinkel hoben sich. „Das heißt ja.“ „Das heißt vielleicht.“ „Bei dir heißt vielleicht immer ja.“ „Interessante Theorie.“ Sie lehnte sich erneut ein wenig näher. „Ich teste sie.“ Weston sah zurück zu den Tribünen. Du hattest dich bewegt. Nicht viel. Aber immerhin. Denzil fiel es auch auf. „Oh.“ Weston warf ihm einen Blick zu. „Was jetzt?“ Denzil biss sich merklich auf die Wange, um nicht loszulachen. „Nichts.“ „Sag schon.“ „Ich glaube, dein Fanclub hat genug.“ Weston schaute noch einmal. Seine Stirn legte sich in Falten. Das gefiel ihm nicht. Nicht, weil er dachte, dass wirklich etwas war. Sondern, weil er keine Lust hatte, später mal wieder zu diskutieren, dass Cagney ihn angefasst hatte. Schon wieder. Als hätte Weston darum gebeten. „Ernsthaft.“ Denzil lehnte sich ein bisschen näher. „Wie hältst du das eigentlich aus?“ Weston schaute ihn an. „Was?“ Denzil deutete unauffällig Richtung Tribünen. „Dieses ständige Eifersuchtsding.“ Harold hob sofort den Kopf. „Denzil.“ „Was?“ „Lass es.“ Denzil ignorierte ihn. Natürlich. „Ich sagte: Lass es.“ „Ich würde durchdrehen.“ Barney nickte. „Ein bisschen schon.“ Weston hätte das Thema einfach abwürgen können. Ein Satz. Halts Maul. Fertig. Tat er aber nicht. Stattdessen zuckte er mit einer Schulter. „Man gewöhnt sich dran.“ Denzil lachte. Barney auch. Kenneth grinste unsicher. Cagney lächelte. Harold nicht. Weston sah es. Dieses kurze, missbilligende Zusammenziehen seiner Augenbrauen. „Sieh jetzt nicht so aus.“ Harold verschränkte die Arme. „Wie denn?“ „Wie mein Therapeut.“ „Um Gottes willen.“ Denzil lachte wieder. Weston auch. Nur kurz. Dann fiel sein Blick erneut auf dich. Und diesmal verschwand das Grinsen etwas schneller. Denn du sahst nicht aus wie sonst. Normalerweise wusste Weston ziemlich genau, wann Ärger im Anmarsch war. Er kannte jedes Zeichen. Die Körperspannung. Den Blick. Wie du Abstand hieltest. Die Stimmung im Auto. Das Schweigen. All das. Aber diesmal war keines davon da. Keine sichtbare Eifersucht. Keine erkennbare Wut. Keine genervte Reaktion auf Cagney. Nichts. Weston hätte erleichtert sein sollen. Das war genau das, was er sich seit Monaten wünschte. Keine Diskussion. Kein Drama. Kein: Warum lässt du sie das machen? Kein: Wie würdest du dich fühlen, wenn ich das täte? Kein verdammter Streit um Dinge, die Weston unwichtig fand. Perfekt. Also warum störte es ihn? Cagney zupfte an seinem Arm. „Komm schon.“ Weston sah sie an. „Wohin?“ „Foto.“ „Nein.“ „Weston.“ „Cagney.“ „Nur eins.“ „Du lädst es eh hoch.“ „Natürlich.“ „Dann erst recht nicht.“ Trotzdem zog sie weiter. Denzil rief: „Mach halt, Prinzessin.“ Weston streckte ihm den Mittelfinger entgegen. Cagney positionierte sich bereits vor ihm. Dann neben ihm. Eine Hand an seiner Brust. Ihr Körper dicht an seiner Seite. Weston seufzte. „Fünf Sekunden.“ Sie grinste. „Mehr brauch ich nicht.“ Jemand hielt ein Handy hoch. Weston sah in die Kamera. Dieses typische halb gelangweilte, halb arrogante Grinsen. Cagney legte ihren Kopf auf seine Schulter. Klick. Noch eins. Ihre Hand wanderte höher. Klick. Beim dritten Foto küsste sie ihn plötzlich auf die Wange. Weston blinzelte. „Ernsthaft?“ Cagney zog sich lachend zurück. „Das war süß.“ Denzil pfiff. Barney prustete los. Kenneth schlug sich die Hand vor den Mund. Und Weston? Weston lachte überhaupt nicht. Weil die Situation lächerlich war. Weil Cagney grinste. Weil Denzil irgendeinen Scheiß über Lippenstift an seinem Ohr sagte. Weil es leichter war, auf den Boden zu schauen. Dann sah er zu den Tribünen. Und du warst nicht mehr da. Westons Lächeln blieb noch einen Moment. Vielleicht zwei Sekunden. Dann war es weg. Er suchte die Reihe ab. Nichts. Sein Blick glitt zum Ausgang. Keine Ahnung, wann du gegangen warst. Verdammt. „Was?“ Denzil merkte natürlich sofort, dass Weston nicht mehr zuhörte. „Nichts.“ Weston griff nach seiner Sporttasche. Harold sah zu den Tribünen. Dann zu Weston. „Weg.“ Weston warf ihm einen Blick zu. „Hab’s gesehen.“ „Offensichtlich.“ Weston schulterte seine Tasche. Cagney runzelte die Stirn. „Wohin gehst du?“ „Umziehen.“ „Wir wollten—“ „Später.“ Er ging. Nicht schnell. Ganz sicher nicht. Weston Quintrell lief niemandem hinterher. Erst recht nicht ohne Grund. Du warst wahrscheinlich einfach schon zum Parkplatz gegangen. Vielleicht zur Toilette. Vielleicht hatte jemand geschrieben. Kein Drama. Alles gut. Und selbst wenn du sauer warst… Weston wusste, wie das lief. Er würde später vorbeifahren. Vielleicht unterwegs noch an dem kleinen Laden anhalten. Du mochtest diese silbernen Armbänder. Oder er bringt was zu essen mit. Etwas Süßes. Ein paar Worte. Ein Kuss. Fertig. Keine Entschuldigung. Weston schob die Tür zur Umkleidekabine auf. Dann hielt er kurz inne. Harolds Stimme von hinten. Ruhig. Viel zu ruhig. „Du solltest vielleicht nicht immer davon ausgehen, dass alles läuft wie sonst.“ Weston drehte den Kopf. „Was soll das heißen?“ Harold zuckte mit einer Schulter. „Nur so.“ Weston schnaubte. „Du liebst mich.“ Harold sah ihn ein paar Sekunden an. Kein Grinsen. Kein Spruch. Nichts. „Daran hab ich nie gezweifelt.“ Weston wartete. Harold ging an ihm vorbei. Dann hielt er noch einmal kurz inne. „Aber vielleicht reicht Liebe eines Tages nicht mehr.“ Weston lachte leise. Nicht, weil es besonders lustig war. Sondern weil alles andere absurd gewesen wäre. Du würdest ihn nicht verlassen. Nicht wirklich. Vielleicht sauer sein. Vielleicht morgen nicht antworten. Vielleicht zwei Tage schmollen. Aber verlassen? Nein. Weston kannte dich. Du liebtest ihn. Mehr als alles andere. Und deshalb war Weston sich sicher: Egal, wie oft er’s vermasselt. Egal, wie oft Cagney zu weit ging. Egal, wie oft seine Freunde einen blöden Spruch machten. Am Ende würdest du trotzdem da sein. Weston musste sich nur ein bisschen Mühe geben. Vielleicht ein Geschenk. Vielleicht Blumen. Vielleicht einfach dieses eine Lächeln, von dem er wusste, dass du nie lange widerstehen konntest. Alles machbar. Wie immer. Zumindest glaubte das Weston.
