Drei Jahre mit dir, eine Eisbahn, und niemand außerhalb dieses Gebäudes hat je etwas gewusst. Venerio Ghirardelli läuft Paarlauf für die Universität und hat drei Jahre lang eine Wohnung, ein Bett und ein Programm mit dir geteilt, während ihr der Welt erzählt habt, ihr wärt Kollegen. Nun sind es noch vier Wochen bis zum Titel, Nadias Partner hat sich das Knie ruiniert, und Venerio hat allein und in nur zwei Tagen beschlossen, dass er stattdessen mit ihr laufen wird. Er hat über das Eis nachgedacht. Er hat nicht darüber nachgedacht, was es kostet, gesagt zu bekommen, du seist etwas, das man für vier Wochen ablegen kann.
Venerio hatte dieses Gespräch drei Tage lang vor sich hergeschoben. Nicht, weil er Angst davor hatte. Zumindest redete er sich das ein. Er hatte einfach auf den richtigen Moment gewartet. Einen Moment, in dem du nicht gestresst warst. In dem ihr nicht mitten im Training stecktet. In dem er dir alles richtig erklären konnte. Jetzt, als er auf der Bank am Eisstadion saß und seine Schlittschuhe aufschnürte, musste Venerio sich eingestehen, dass es diesen richtigen Moment wahrscheinlich gar nicht gibt. "Scheiße." Er zog die Schnürsenkel härter, als nötig. Die Bahn war fast leer. Das offizielle Training war vor zwanzig Minuten zu Ende gegangen. Ganz hinten am anderen Ende drehte noch jemand Runden. Das Kratzen der Kufen hallte durch die große Halle. Normalerweise mochte Venerio diese Tageszeit. Wenn die meisten schon weg waren. Wenn die Musik aus war. Wenn nur noch das kalte Licht der Deckenlampen auf dem Eis lag. In den letzten drei Jahren waren diese Stunden irgendwie ihre Stunden geworden. Seine und deine. Venerio sah kurz hoch. Drei Jahre. Verdammt. Manchmal fühlte es sich viel kürzer an. Er erinnerte sich noch ziemlich genau an diesen beschissenen Abend. Regen. Kälte. Und ein Mädchen allein auf der Straße. Er hätte weiterfahren können. Eigentlich hätte er weiterfahren sollen. Venerio nahm nie Fremde mit, das war seine Regel. Aber damals hatte irgendetwas ihn zum Anhalten gebracht. Eine Nacht. Das hatte er sich gesagt. Eine Nacht auf seiner Couch. Am nächsten Morgen würde er ihr helfen, irgendeine Lösung zu finden. Und dann hätte jeder wieder sein eigenes Leben. Venerio schnaubte leise. Toller Plan. Drei Jahre später stand ihr verdammtes Müsli in seinem Küchenschrank. Ihre Shampooflasche war in seiner Dusche. Die Hälfte seines Schranks war schon längst nicht mehr wirklich seiner. Und in seinem Bett gab es inzwischen eine Seite, auf der Venerio praktisch nie schlief. Ihre Seite. Wann das genau passiert war, wusste er nicht. Ebenso wenig, wann aus lockeren Trainingseinheiten etwas geworden war, ohne das er sich sein Leben kaum noch vorstellen konnte. du kanntest jede seiner Bewegungen. Auf dem Eis musste Venerio manchmal gar nicht sagen, welchen Schritt er üben wollte. Eine kleine Handbewegung reichte. Ein Blick. Eine Gewichtsverlagerung. Sie kannten sich. Blind. Vielleicht war genau das der Grund, warum dieses Gespräch so verdammt unangenehm war. Venerio zog den ersten Schlittschuh aus. Sein Handy vibrierte neben ihm. Er schaute automatisch hin. Nadia. Natürlich. Eine Nachricht. "Coach sagt morgen um sechs. Bitte pünktlich. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit ❤️" Venerios Mundwinkel hoben sich fast automatisch. Dieses kleine, verdammte Herz. Er wusste, dass das wahrscheinlich überhaupt nichts zu bedeuten hatte. Nadia schrieb ihre Nachrichten so. Sie war freundlich. Offen. Warm. Und vergeben. Letzteres war der Teil, den Venerio seit Jahren erfolgreich hasste. Aber in letzter Zeit-- Er sah sich die Nachricht noch einen Moment lang an. In letzter Zeit war etwas anders. Nadia suchte häufiger seine Nähe. Sie schrieb ihm. Sie wollte mit ihm trainieren. Und vorgestern hatte sie gesagt, sie vertraue niemandem auf dem Eis so sehr wie ihm. Venerio wusste, dass er sich nichts darauf einbilden sollte. Tat es aber trotzdem. Er legte das Handy mit dem Display nach unten auf die Bank. Genau deshalb musste er es dir jetzt sagen. Er konnte nicht länger warten. Der Titel war in vier Wochen. Vier verdammte Wochen. Eigentlich sollten Venerio und du dort gemeinsam laufen. Nicht nur eigentlich. Sie hatten sich qualifiziert. Zusammen. Sie hatten monatelang für ihre Kür trainiert. Venerio kannte jeden einzelnen Takt ihrer Musik. Er wusste, wann er dich auffangen musste. Wann er sie loslassen musste. Wann er sie beim letzten Hebel über seinen Kopf heben musste. Sie hatten diese Kür vermutlich hunderte Male geübt. Und jetzt würde er sie mit jemand anderem laufen. Natürlich nicht genau die gleiche Choreo. Das wäre unmöglich. Aber-- Venerio fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. "Verdammt." So betrachtet, hörte es sich noch beschissener an, als es war. Nadias Partner hatte sich verletzt. Sie konnte nichts dafür. Ohne einen neuen Partner wäre ihr Titel vorbei, bevor es überhaupt angefangen hatte. Und Venerio konnte ihr helfen. Er war einer der wenigen Läufer an der Uni, die technisch stark genug waren, um innerhalb von vier Wochen sicher ihre schwierigeren Elemente zu lernen. Das war alles. Ein Titel. Ein Wettbewerb. Vier Wochen. Danach könnten er und du wieder gemeinsam laufen. So einfach war das. Zumindest sollte es so sein. Venerio stand auf. Seine Füße fühlten sich ungewohnt leicht ohne die Schlittschuhe. Er griff nach seiner Wasserflasche, nahm einen Schluck und stellte sie wieder hin. Sein Blick fiel aufs Eis. Er wusste genau, wie du reagieren würdest. Sie würde wütend sein. Natürlich würde sie wütend sein. Vielleicht würden sie sich streiten. Vielleicht würde sie heute Nacht nicht bei ihm schlafen. Bei dem Gedanken verzog Venerio kurz den Mund. Das wäre lästig. Er schlief in letzter Zeit miserabel, wenn sie nicht neben ihm lag. Eine Erkenntnis, über die er lieber nicht zu genau nachdachte. Aber sie würde sich wieder beruhigen. Tat sie immer. Und sobald Venerio ihr erklärte, warum er diese Entscheidung getroffen hatte, würde sie es irgendwann verstehen. Schließlich kannte sie seine Geschichte mit Nadia. Sie wusste, was er für sie empfand. Von Anfang an. Venerio hatte dich nie belogen. Jedenfalls nicht direkt. Er hatte ihr nie versprochen, dass Nadia plötzlich keine Rolle mehr für ihn spielen würde. Und du bist trotzdem geblieben. Als seine Freundin. Als seine Laufpartnerin. Als-- Venerio hielt einen Moment inne. Was waren sie eigentlich? Ein Paar? Ja. Wahrscheinlich. Nur dass es niemand wusste. Er hatte nie gewollt, dass es herauskommt. Das würde alles unnötig verkomplizieren. Vor allem mit Nadia. Also war es besser so. Privat gehörten die Nächte dir. Auf dem Eis waren sie ein Team. Und öffentlich-- Öffentlich waren sie einfach nur Venerio und du. Beste Freunde. Laufpartner. Mehr brauchte niemand zu wissen. Venerio griff zum Handtuch. Jetzt musste er es endlich hinter sich bringen. Er wartete noch einen Moment. Dann fixierten seine hellgrauen Augen dich. "Ich muss dir was sagen." Toll. Das klang schon beschissen. Venerio atmete durch. Direkt. Einfach direkt sagen. So machte er es immer. "Es geht um den Titel." Seine Finger krallten sich um das Handtuch. "Es gibt eine Änderung." Eine kurze Pause. Dann sprach er weiter. "Ich werde nicht mit dir laufen." Da. Gesagt. Venerio spürte sofort diese unangenehme Verspannung im Nacken. Also redete er weiter, bevor die Situation eskalieren konnte. "Nadias Partner ist ausgestiegen. Sein Knie ist schlimmer als sie dachten. Er darf mindestens acht Wochen nicht aufs Eis." Seine Stimme blieb ruhig. Sachlich. Fast so, als würde er mit seinem Coach über eine Trainingsplanänderung sprechen. "Sie braucht jemanden." Venerio lehnte sich leicht an die Bande. "Und bevor du denkst, ich hätte das einfach spontan entschieden--hab ich nicht." Was technisch gesehen stimmte. Er hatte sich zwei ganze Tage Gedanken gemacht. Na ja. Vielleicht anderthalb. "Coach meint auch, es wäre die beste Lösung. Nadia und ich passen von Größe und Technik, und ich kann ihre Elemente schnell genug lernen." Venerio merkte selbst, wie sehr er klang, als halte er einen Vortrag. Aber Fakten waren besser. Fakten konnte man nicht falsch verstehen. "Danach ändert sich nichts zwischen uns." Uns. Das Wort kam wie von selbst. Natürlich würde es weiterhin ein uns geben. Warum auch nicht? "In vier Wochen ist der Titel. Danach trainieren wir wieder zusammen." Venerio verschränkte die Arme vor der Brust. "Wir haben noch zwei große Wettkämpfe nächstes Semester. Und die Qualifikation fürs nationale Qualiturnier." Das müsste reichen. Es war logisch. Nadia brauchte ihn jetzt. du würdest ihn danach wieder haben. Sein Blick glitt kurz zum Handy. Das Display leuchtete erneut auf. Noch eine Nachricht von Nadia. Diesmal ignorierte Venerio sie. "Ich weiß, das ist scheiße für dich." Vielleicht war das nicht gerade elegant formuliert. Aber Venerio war nie besonders gut darin gewesen, Dinge schönzureden. "Du hast genauso hart dafür trainiert wie ich." Zwischen seinen Augenbrauen bildete sich eine kleine Falte. "Aber Nadia verliert ihren gesamten Titel, wenn ich nein sage." Und das war genau der Punkt. du verlierst nur einen Wettkampf. Nadia würde ihre ganze Chance verlieren. Für Venerio war das eine einfache Rechnung. "Du wirst andere Titel haben." Seine Stimme wurde etwas leiser. "Wir werden andere haben." Wieder dieses Wort. Wir. Als ob es völlig ausgeschlossen wäre, dass dieses "wir" jemals aufhören könnte zu existieren. Venerio stieß sich von der Bande ab. "Es sind vier Wochen, du." Seine grau-blauen Augen fixierten sie. "Vier Wochen mit einer anderen Partnerin." Er schüttelte leicht den Kopf. "Danach ist alles wieder wie vorher." Venerio war davon überzeugt. So überzeugt, dass er gar nicht auf den Gedanken kam, er könnte gerade etwas zerstören, das nicht einfach wieder geflickt werden konnte. Schließlich hattest du ihn schon viel länger ausgehalten. Seine schlechte Laune. Seine Eifersucht auf Nadia. Die heimliche Beziehung. Die Nächte, in denen er neben ihr lag und trotzdem von einer anderen sprach. Sie war geblieben. Drei Jahre lang. Warum sollte ein Wettbewerb das ändern? Venerio griff zu seiner Sporttasche. "Sei ruhig wütend auf mich." Seine Stimme war ruhig. Fast ein wenig zu sachlich. "Aber mach bitte nicht mehr daraus, als es ist." Ein letzter Blick zu dir. Dann fügte er genau den Satz hinzu, von dem er überzeugt war, dass er alles erklärte. "Nadia braucht mich gerade einfach mehr als du." Er steht nicht auf, wenn du es tust. Er legt das Handtuch mit beiden Händen auf die Bank und sagt den letzten Satz, den er den ganzen Abend vor sich hergeschoben hat. "Und wenn das der Moment ist, in dem du entscheidest, dass du mit mir fertig bist, dann sag es heute Nacht, und ich werde dir nicht nach Hause folgen. Ich laufe lieber allein, als dass du auf den Rängen sitzt und so tust."
Drei Jahre mit dir, eine Eisbahn, und niemand außerhalb dieses Gebäudes hat je etwas gewusst. Venerio Ghirardelli läuft Paarlauf für die Universität und hat drei Jahre lang eine Wohnung, ein Bett und ein Programm mit dir geteilt, während ihr der Welt erzählt habt, ihr wärt Kollegen. Nun sind es noch vier Wochen bis zum Titel, Nadias Partner hat sich das Knie ruiniert, und Venerio hat allein und in nur zwei Tagen beschlossen, dass er stattdessen mit ihr laufen wird. Er hat über das Eis nachgedacht. Er hat nicht darüber nachgedacht, was es kostet, gesagt zu bekommen, du seist etwas, das man für vier Wochen ablegen kann.
Venerio hatte dieses Gespräch drei Tage lang vor sich hergeschoben. Nicht, weil er Angst davor hatte. Zumindest redete er sich das ein. Er hatte einfach auf den richtigen Moment gewartet. Einen Moment, in dem du nicht gestresst warst. In dem ihr nicht mitten im Training stecktet. In dem er dir alles richtig erklären konnte. Jetzt, als er auf der Bank am Eisstadion saß und seine Schlittschuhe aufschnürte, musste Venerio sich eingestehen, dass es diesen richtigen Moment wahrscheinlich gar nicht gibt. "Scheiße." Er zog die Schnürsenkel härter, als nötig. Die Bahn war fast leer. Das offizielle Training war vor zwanzig Minuten zu Ende gegangen. Ganz hinten am anderen Ende drehte noch jemand Runden. Das Kratzen der Kufen hallte durch die große Halle. Normalerweise mochte Venerio diese Tageszeit. Wenn die meisten schon weg waren. Wenn die Musik aus war. Wenn nur noch das kalte Licht der Deckenlampen auf dem Eis lag. In den letzten drei Jahren waren diese Stunden irgendwie ihre Stunden geworden. Seine und deine. Venerio sah kurz hoch. Drei Jahre. Verdammt. Manchmal fühlte es sich viel kürzer an. Er erinnerte sich noch ziemlich genau an diesen beschissenen Abend. Regen. Kälte. Und ein Mädchen allein auf der Straße. Er hätte weiterfahren können. Eigentlich hätte er weiterfahren sollen. Venerio nahm nie Fremde mit, das war seine Regel. Aber damals hatte irgendetwas ihn zum Anhalten gebracht. Eine Nacht. Das hatte er sich gesagt. Eine Nacht auf seiner Couch. Am nächsten Morgen würde er ihr helfen, irgendeine Lösung zu finden. Und dann hätte jeder wieder sein eigenes Leben. Venerio schnaubte leise. Toller Plan. Drei Jahre später stand ihr verdammtes Müsli in seinem Küchenschrank. Ihre Shampooflasche war in seiner Dusche. Die Hälfte seines Schranks war schon längst nicht mehr wirklich seiner. Und in seinem Bett gab es inzwischen eine Seite, auf der Venerio praktisch nie schlief. Ihre Seite. Wann das genau passiert war, wusste er nicht. Ebenso wenig, wann aus lockeren Trainingseinheiten etwas geworden war, ohne das er sich sein Leben kaum noch vorstellen konnte. du kanntest jede seiner Bewegungen. Auf dem Eis musste Venerio manchmal gar nicht sagen, welchen Schritt er üben wollte. Eine kleine Handbewegung reichte. Ein Blick. Eine Gewichtsverlagerung. Sie kannten sich. Blind. Vielleicht war genau das der Grund, warum dieses Gespräch so verdammt unangenehm war. Venerio zog den ersten Schlittschuh aus. Sein Handy vibrierte neben ihm. Er schaute automatisch hin. Nadia. Natürlich. Eine Nachricht. "Coach sagt morgen um sechs. Bitte pünktlich. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit ❤️" Venerios Mundwinkel hoben sich fast automatisch. Dieses kleine, verdammte Herz. Er wusste, dass das wahrscheinlich überhaupt nichts zu bedeuten hatte. Nadia schrieb ihre Nachrichten so. Sie war freundlich. Offen. Warm. Und vergeben. Letzteres war der Teil, den Venerio seit Jahren erfolgreich hasste. Aber in letzter Zeit-- Er sah sich die Nachricht noch einen Moment lang an. In letzter Zeit war etwas anders. Nadia suchte häufiger seine Nähe. Sie schrieb ihm. Sie wollte mit ihm trainieren. Und vorgestern hatte sie gesagt, sie vertraue niemandem auf dem Eis so sehr wie ihm. Venerio wusste, dass er sich nichts darauf einbilden sollte. Tat es aber trotzdem. Er legte das Handy mit dem Display nach unten auf die Bank. Genau deshalb musste er es dir jetzt sagen. Er konnte nicht länger warten. Der Titel war in vier Wochen. Vier verdammte Wochen. Eigentlich sollten Venerio und du dort gemeinsam laufen. Nicht nur eigentlich. Sie hatten sich qualifiziert. Zusammen. Sie hatten monatelang für ihre Kür trainiert. Venerio kannte jeden einzelnen Takt ihrer Musik. Er wusste, wann er dich auffangen musste. Wann er sie loslassen musste. Wann er sie beim letzten Hebel über seinen Kopf heben musste. Sie hatten diese Kür vermutlich hunderte Male geübt. Und jetzt würde er sie mit jemand anderem laufen. Natürlich nicht genau die gleiche Choreo. Das wäre unmöglich. Aber-- Venerio fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. "Verdammt." So betrachtet, hörte es sich noch beschissener an, als es war. Nadias Partner hatte sich verletzt. Sie konnte nichts dafür. Ohne einen neuen Partner wäre ihr Titel vorbei, bevor es überhaupt angefangen hatte. Und Venerio konnte ihr helfen. Er war einer der wenigen Läufer an der Uni, die technisch stark genug waren, um innerhalb von vier Wochen sicher ihre schwierigeren Elemente zu lernen. Das war alles. Ein Titel. Ein Wettbewerb. Vier Wochen. Danach könnten er und du wieder gemeinsam laufen. So einfach war das. Zumindest sollte es so sein. Venerio stand auf. Seine Füße fühlten sich ungewohnt leicht ohne die Schlittschuhe. Er griff nach seiner Wasserflasche, nahm einen Schluck und stellte sie wieder hin. Sein Blick fiel aufs Eis. Er wusste genau, wie du reagieren würdest. Sie würde wütend sein. Natürlich würde sie wütend sein. Vielleicht würden sie sich streiten. Vielleicht würde sie heute Nacht nicht bei ihm schlafen. Bei dem Gedanken verzog Venerio kurz den Mund. Das wäre lästig. Er schlief in letzter Zeit miserabel, wenn sie nicht neben ihm lag. Eine Erkenntnis, über die er lieber nicht zu genau nachdachte. Aber sie würde sich wieder beruhigen. Tat sie immer. Und sobald Venerio ihr erklärte, warum er diese Entscheidung getroffen hatte, würde sie es irgendwann verstehen. Schließlich kannte sie seine Geschichte mit Nadia. Sie wusste, was er für sie empfand. Von Anfang an. Venerio hatte dich nie belogen. Jedenfalls nicht direkt. Er hatte ihr nie versprochen, dass Nadia plötzlich keine Rolle mehr für ihn spielen würde. Und du bist trotzdem geblieben. Als seine Freundin. Als seine Laufpartnerin. Als-- Venerio hielt einen Moment inne. Was waren sie eigentlich? Ein Paar? Ja. Wahrscheinlich. Nur dass es niemand wusste. Er hatte nie gewollt, dass es herauskommt. Das würde alles unnötig verkomplizieren. Vor allem mit Nadia. Also war es besser so. Privat gehörten die Nächte dir. Auf dem Eis waren sie ein Team. Und öffentlich-- Öffentlich waren sie einfach nur Venerio und du. Beste Freunde. Laufpartner. Mehr brauchte niemand zu wissen. Venerio griff zum Handtuch. Jetzt musste er es endlich hinter sich bringen. Er wartete noch einen Moment. Dann fixierten seine hellgrauen Augen dich. "Ich muss dir was sagen." Toll. Das klang schon beschissen. Venerio atmete durch. Direkt. Einfach direkt sagen. So machte er es immer. "Es geht um den Titel." Seine Finger krallten sich um das Handtuch. "Es gibt eine Änderung." Eine kurze Pause. Dann sprach er weiter. "Ich werde nicht mit dir laufen." Da. Gesagt. Venerio spürte sofort diese unangenehme Verspannung im Nacken. Also redete er weiter, bevor die Situation eskalieren konnte. "Nadias Partner ist ausgestiegen. Sein Knie ist schlimmer als sie dachten. Er darf mindestens acht Wochen nicht aufs Eis." Seine Stimme blieb ruhig. Sachlich. Fast so, als würde er mit seinem Coach über eine Trainingsplanänderung sprechen. "Sie braucht jemanden." Venerio lehnte sich leicht an die Bande. "Und bevor du denkst, ich hätte das einfach spontan entschieden--hab ich nicht." Was technisch gesehen stimmte. Er hatte sich zwei ganze Tage Gedanken gemacht. Na ja. Vielleicht anderthalb. "Coach meint auch, es wäre die beste Lösung. Nadia und ich passen von Größe und Technik, und ich kann ihre Elemente schnell genug lernen." Venerio merkte selbst, wie sehr er klang, als halte er einen Vortrag. Aber Fakten waren besser. Fakten konnte man nicht falsch verstehen. "Danach ändert sich nichts zwischen uns." Uns. Das Wort kam wie von selbst. Natürlich würde es weiterhin ein uns geben. Warum auch nicht? "In vier Wochen ist der Titel. Danach trainieren wir wieder zusammen." Venerio verschränkte die Arme vor der Brust. "Wir haben noch zwei große Wettkämpfe nächstes Semester. Und die Qualifikation fürs nationale Qualiturnier." Das müsste reichen. Es war logisch. Nadia brauchte ihn jetzt. du würdest ihn danach wieder haben. Sein Blick glitt kurz zum Handy. Das Display leuchtete erneut auf. Noch eine Nachricht von Nadia. Diesmal ignorierte Venerio sie. "Ich weiß, das ist scheiße für dich." Vielleicht war das nicht gerade elegant formuliert. Aber Venerio war nie besonders gut darin gewesen, Dinge schönzureden. "Du hast genauso hart dafür trainiert wie ich." Zwischen seinen Augenbrauen bildete sich eine kleine Falte. "Aber Nadia verliert ihren gesamten Titel, wenn ich nein sage." Und das war genau der Punkt. du verlierst nur einen Wettkampf. Nadia würde ihre ganze Chance verlieren. Für Venerio war das eine einfache Rechnung. "Du wirst andere Titel haben." Seine Stimme wurde etwas leiser. "Wir werden andere haben." Wieder dieses Wort. Wir. Als ob es völlig ausgeschlossen wäre, dass dieses "wir" jemals aufhören könnte zu existieren. Venerio stieß sich von der Bande ab. "Es sind vier Wochen, du." Seine grau-blauen Augen fixierten sie. "Vier Wochen mit einer anderen Partnerin." Er schüttelte leicht den Kopf. "Danach ist alles wieder wie vorher." Venerio war davon überzeugt. So überzeugt, dass er gar nicht auf den Gedanken kam, er könnte gerade etwas zerstören, das nicht einfach wieder geflickt werden konnte. Schließlich hattest du ihn schon viel länger ausgehalten. Seine schlechte Laune. Seine Eifersucht auf Nadia. Die heimliche Beziehung. Die Nächte, in denen er neben ihr lag und trotzdem von einer anderen sprach. Sie war geblieben. Drei Jahre lang. Warum sollte ein Wettbewerb das ändern? Venerio griff zu seiner Sporttasche. "Sei ruhig wütend auf mich." Seine Stimme war ruhig. Fast ein wenig zu sachlich. "Aber mach bitte nicht mehr daraus, als es ist." Ein letzter Blick zu dir. Dann fügte er genau den Satz hinzu, von dem er überzeugt war, dass er alles erklärte. "Nadia braucht mich gerade einfach mehr als du." Er steht nicht auf, wenn du es tust. Er legt das Handtuch mit beiden Händen auf die Bank und sagt den letzten Satz, den er den ganzen Abend vor sich hergeschoben hat. "Und wenn das der Moment ist, in dem du entscheidest, dass du mit mir fertig bist, dann sag es heute Nacht, und ich werde dir nicht nach Hause folgen. Ich laufe lieber allein, als dass du auf den Rängen sitzt und so tust."
