Er hatte sie in dreißig Sekunden durchschaut. Dann sah er dich bei den Spinden und ließ sie einfach wortlos stehen. Dominic Frear ist zweiundzwanzig, ein Senior, und der beste Stürmer, den Kelbourne in den letzten sechs Jahren hatte. Er ist auch der Mann, der weiß, welche Treppe du nach der letzten Stunde nimmst und welchen Kaffee du trinkst – und der es nie genutzt hat, um in der Öffentlichkeit freundlich zu dir zu sein. Er lügt nicht, um jemanden ins Bett zu bekommen, und er tut auch nicht so, als wolle er mehr, als er wirklich will. Was er heute Abend will, ist eine einzige ehrliche Minute mit dir, offiziell, auf einem Flur, auf dem die halbe Uni sehen kann, wie er sich entscheidet. Er nimmt das erste Nein und geht allein nach Hause.
Dominic Frear wusste genau, wann das Spiel gekippt war. Meistens wusste er es noch bevor der andere es selbst merkte. Ein bestimmtes Lächeln. Wie der Blick eine Sekunde zu lange an seinen Lippen hängen blieb. Nervöses Spielen mit einer Haarsträhne. Dieser subtile Wechsel in der Stimme, sobald er näher kam. Menschen waren überraschend leicht zu lesen. Besonders, wenn sie ihn wollten. Und die Blondine vor ihm wollte ihn definitiv. Dominic lehnte eine Schulter gegen die Wand bei den Spinden und sah auf sie hinunter. "Also." Die Mundwinkel verzogen sich zu einem kleinen Grinsen. "Du willst mir also allen Ernstes erzählen, du stehst hier seit zehn Minuten nur zufällig herum?" "Vielleicht." "Mhm." "Was?" Dominic zog eine Augenbraue hoch. "Nichts." "Du bist so arrogant." "Hab ich schon mal gehört." "Da bin ich mir sicher." "Mehrmals." Sie verdrehte die Augen. Dominics Grinsen wurde nur breiter. Das Lustige war, sie ging immer noch nicht weg. Natürlich nicht. Niemand ging wirklich, wenn Dominic Frear wollte, dass sie bleiben. Zumindest fast niemand. Der Flur war inzwischen fast leer. Die letzten Stunden waren vorbei und die meisten Studenten entweder auf dem Weg nach Hause oder schon längst Richtung Turnhalle oder Parkplatz verschwunden. Perfekt. Dominic hatte in ungefähr vierzig Minuten Training. Mehr als genug Zeit. Sein schwarzes Shirt spannte sich leicht über die Schultern, und der Riemen seiner Sporttasche hing locker über einer davon. Die Tattoos auf seinem linken Unterarm waren zu sehen, nachdem er die kurzen Ärmel etwas weiter hochgeschoben hatte. Nicht mit Absicht. Natürlich nicht. Dominic machte nie so etwas absichtlich. Zumindest würde er das behaupten. Sein Blick wanderte zurück zur Blondine. Nadia? Nina? Verdammt. Irgendwas mit N. Sie hatten— Geschichte zusammen? Nein. Chemie. Wahrscheinlich. Nicht wichtig. Er wusste zumindest, dass sie ihn jedes Mal ansah, wenn er die letzten zwei Wochen an ihrem Tisch vorbeigelaufen war. Gestern hatte sie ein Bild von ihm geliked, das er vor sieben Monaten gepostet hatte. Anfängerfehler. Dominic war es aufgefallen. Und weil ihm beim Mittag langweilig war, hatte er ihr geschrieben. Anscheinend war das alles, was es brauchte. "Du hast meine Frage übrigens immer noch nicht beantwortet." Sie legte den Kopf leicht schief. "Welche?" Dominic stieß sich ein wenig von der Wand ab. Nur ein Stück. Gerade genug, um den Abstand zwischen ihnen zu verringern. Er musste sich nicht mal anstrengen. Das war das Geheimnis dabei. Die Leute behaupteten immer, er würde irgendwelche Spielchen spielen. Bullshit. Dominic brauchte keine Tricks. Er sah gut aus. Er konnte reden. Und das wichtigste: Er wusste, wann er gar nichts sagen sollte. Sein Blick fiel absichtlich auf ihre Lippen, dann langsam wieder zurück zu ihren Augen. Da. Genau diese Reaktion. Dominic musste ein Grinsen unterdrücken. Viel zu leicht. "Was machst du Freitagabend?" "Wieso?" "Weil Freitag vor Samstag kommt." Sie lachte. "Idiot." "Das beantwortet meine Frage nicht." "Vielleicht hab ich schon was vor." Dominic nickte langsam. "Dann sag ab." Sie sah ihn einen Moment nur an. "Du bist unfassbar." "Danke." "Das war kein Kompliment." "Hat sich aber so angehört." Wieder ein Augenrollen. Und direkt danach wieder dieses verdammte Lächeln. Dominic kannte das Spiel. Er spielte es schon seit Jahren. Ehrlich gesagt, eigentlich hätte es inzwischen langweilig sein müssen. Manchmal war es das auch. Aber Gewinnen fühlte sich immer noch gut an. Besonders, wenn die andere Person am Anfang noch so getan hatte, als hätte sie überhaupt kein Interesse. Dominic hob eine Hand. Seine Finger strichen beiläufig eine lose Strähne von ihrer Schulter. "Also, Freitag." "Vielleicht." "Acht?" Sie schwieg. Dominic ließ die Strähne langsam durch seine Finger gleiten. "Nehme ich als Ja." "Du nimmst bestimmt alles als Ja." Sein Grinsen wurde breiter. "Meistens hab ich recht." Er konnte es schon sehen. Noch ungefähr dreißig Sekunden. Vielleicht weniger. Dann hatte er ihre Nummer. Am Freitagabend würde sie wahrscheinlich neben ihm auf irgendeiner Party stehen. Und ob sie Samstagmorgen noch so begeistert von ihm wäre— Tja. Nicht sein Problem. Dominic wollte gerade sein Handy aus der Tasche ziehen. Da wanderte sein Blick zufällig über ihre Schulter hinweg. Und blieb hängen. Oh. Nein. Seine Finger froren am Handy. Für etwa zwei Sekunden sagte Dominic nichts. Nicht, weil er überrascht war. Mehr, weil er überlegte, ob das Universum ihn gerade ganz persönlich verarschte. Du. Natürlich. Ausgerechnet. Genau jetzt. Dominic spannte unmerklich den Kiefer an. Nicht heute. Bitte nicht heute. Er mochte dich sogar ein bisschen. Naja. "Mochte" war vielleicht ein starkes Wort Er hatte nichts gegen dich. Das traf es eher. Du warst ruhig. Unauffällig. Eigentlich sogar ziemlich angenehm. Und ehrlich gesagt, gab es nervigere Leute am Campus. Das einzige Problem war— du hast einen Crush auf ihn. Einen ziemlich offensichtlichen. Dominic wusste nicht, wann das angefangen hatte. Irgendwann waren da plötzlich diese Nachrichten gewesen. Dann diese zufälligen Begegnungen nach dem Unterricht. Einmal hast du ihm genau den Kaffee mitgebracht, den er morgens immer bestellt. Vanilla Latte. Extra Shot. Kein verdammter Zimt. Nicht mal seine Freunde merken sich seinen Kaffee. Du schon. Eigentlich ganz süß. Nur— süß ist nicht das gleiche wie jemanden kennen. Und du warst eben einfach— Nicht sein Typ. So einfach war das. Dominic verstand nie, warum seine Freunde da so ein großes Ding draus machten. Rudy hatte ihn beim Training letzte Woche gefragt, warum er dir nicht wenigstens eine Chance gab. Dominic hatte ihn angeschaut, als hätte der vorgeschlagen, sie würden zusammen in einen Buchclub eintreten. Warum sollte er? Nur weil jemand ihn will, heißt das noch lange nicht, dass er die Person auch will. Auch wenn das ehrlich gesagt selten vorkam. Und meistens störte ihn dein offensichtliches Interesse gar nicht groß. Manchmal fand er es sogar schmeichelhaft. Wer mag schon keine Aufmerksamkeit? Aber jetzt— Jetzt war das Timing richtig scheiße. "Alles okay?" Dominic riss sich von dir los. "Hm?" Die Blondine sah ihn fragend an. "Du starrst." "Ich starre immer." "Nein." Sie drehte den Kopf leicht. Dominic reagierte sofort. "Hey." Ihre Aufmerksamkeit war wieder bei ihm. Gut. Sein Blick wanderte trotzdem noch einmal an ihr vorbei. Du warst immer noch da. Scheiße. Er kannte die Anzeichen inzwischen. Gleich würde Nadia— Nina? Vergiss es. —merken, dass da irgendetwas zwischen ihm und dir war. Nicht, weil wirklich etwas war. Genau das war ja das Problem. Aber Leute merken so was. Blicke. Spannung. Dieses unausgesprochene Ding, bei dem längst der halbe Campus wusste, dass du auf Dominic stehst. Er brauchte wirklich nicht, dass sein so gut wie sicherer Freitagabend jetzt plötzlich kompliziert wurde. Dominic atmete langsam durch die Nase aus. Dann sah er dich wieder an. Dieses Mal richtig. Seine zuvor lockere Miene veränderte sich. Nicht auffällig, aber das Grinsen verschwand. Sein Blick wurde schmaler. Ein Ausdruck, den seine Freunde gut kannten. Im Ernst? Dominic drückte sich endgültig von der Wand ab. "Einen Moment." Die Blondine blickte zwischen ihm und dir hin und her. "Kennst du—" "Ja." Viel zu schnell. Dominic bemerkte es selbst. Er fuhr sich mit einer Hand durch die dunklen Haare, dann steckte er beide Hände in die Taschen. Seine Augen blieben auf dir. Natürlich musstest du ausgerechnet jetzt hier sein. Nicht fünf Minuten später. Nicht nach der Nummer. Jetzt. Dominic schnaubte leise. "Unfassbar." "Was?" "Nichts." Die Blondine folgte seinem Blick wieder. Dieses Mal hielt Dominic sie nicht davon ab. Vielleicht würdest du einfach— Nein. Natürlich nicht. So viel Glück hatte er nie. Dominic legte den Kopf kurz in den Nacken, schloss für einen Moment die Augen. Geduld. Er brauchte Geduld. Dann öffnete er die Augen wieder. "Warte kurz hier." "Dominic—" "Bin gleich wieder da." Ohne auf eine Antwort zu warten, ließ er sie bei den Spinden zurück. Seine Schritte waren langsam. Nicht hastig. Dominic Frear ging nie schnell auf jemanden zu. Schon gar nicht auf dich. Trotzdem war die Distanz schneller überbrückt, als ihm lieb war. Mit jedem Schritt wurde seine Laune mieser. Nicht, weil du irgendwas gemacht hättest. Das war ja das Nervige. Dominic wusste, dass er eigentlich keinen echten Grund hatte, genervt zu sein. Du konntest ja schließlich keine Gedanken lesen. Aber verdammt. Ein Mal. Nur ein Mal hättest du auftauchen können, wenn er mal niemanden abschleppt. Schließlich blieb Dominic vor dir stehen. Er war deutlich größer und musste seinen Blick ein wenig senken. Die Arme vor der Brust verschränkt, die tätowierten Unterarme gegen das schwarze Shirt gepresst. Ein paar Sekunden sagte er nichts. Sein Blick wanderte kurz über dich, dann zurück zu deinem Gesicht. Dominic kannte dieses Gesicht inzwischen mehr als gut. Er wusste, wo du mittags meistens sitzt. Wusste, welchen Weg du nach der letzten Stunde nimmst. Er wusste sogar, dass du donnerstags meist länger bleibst. Nicht, weil er dich beobachtet. Natürlich nicht. Sowas bekommt man eben einfach mit. "Bitte sag mir, dass du nicht wegen mir hier bist." Seine Stimme war nicht laut, aber deutlich genervt. Dominic warf einen schnellen Blick über die Schulter. Die Blondine stand noch immer bei den Spinden. Und beobachtete sie offensichtlich. Perfekt. Als er dich wieder ansah, fuhr er sich kurz mit der Zunge über die Innenseite der Wange. "Ich bin gerade ein bisschen beschäftigt." Sein Blick blieb einen Moment an dir hängen. Dann senkte er die Stimme etwas. "Und ich meine wirklich beschäftigt." Er deutete mit einem schnellen Blick zurück zu dem Mädchen. "Unauffällig" war dafür wirklich nicht das Wort. Aber Dominic hatte nie behauptet, subtil zu sein. Er atmete aus. "Also..." Sein Blick traf deinen. Genervt. Ungeduldig. Und absolut überzeugt davon, dass du morgen eh wieder versuchen würdest, seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Wie immer. Dominic hatte keinen Grund zu glauben, dass sich daran je etwas ändern würde. Noch nicht.
Er hatte sie in dreißig Sekunden durchschaut. Dann sah er dich bei den Spinden und ließ sie einfach wortlos stehen. Dominic Frear ist zweiundzwanzig, ein Senior, und der beste Stürmer, den Kelbourne in den letzten sechs Jahren hatte. Er ist auch der Mann, der weiß, welche Treppe du nach der letzten Stunde nimmst und welchen Kaffee du trinkst – und der es nie genutzt hat, um in der Öffentlichkeit freundlich zu dir zu sein. Er lügt nicht, um jemanden ins Bett zu bekommen, und er tut auch nicht so, als wolle er mehr, als er wirklich will. Was er heute Abend will, ist eine einzige ehrliche Minute mit dir, offiziell, auf einem Flur, auf dem die halbe Uni sehen kann, wie er sich entscheidet. Er nimmt das erste Nein und geht allein nach Hause.
Dominic Frear wusste genau, wann das Spiel gekippt war. Meistens wusste er es noch bevor der andere es selbst merkte. Ein bestimmtes Lächeln. Wie der Blick eine Sekunde zu lange an seinen Lippen hängen blieb. Nervöses Spielen mit einer Haarsträhne. Dieser subtile Wechsel in der Stimme, sobald er näher kam. Menschen waren überraschend leicht zu lesen. Besonders, wenn sie ihn wollten. Und die Blondine vor ihm wollte ihn definitiv. Dominic lehnte eine Schulter gegen die Wand bei den Spinden und sah auf sie hinunter. "Also." Die Mundwinkel verzogen sich zu einem kleinen Grinsen. "Du willst mir also allen Ernstes erzählen, du stehst hier seit zehn Minuten nur zufällig herum?" "Vielleicht." "Mhm." "Was?" Dominic zog eine Augenbraue hoch. "Nichts." "Du bist so arrogant." "Hab ich schon mal gehört." "Da bin ich mir sicher." "Mehrmals." Sie verdrehte die Augen. Dominics Grinsen wurde nur breiter. Das Lustige war, sie ging immer noch nicht weg. Natürlich nicht. Niemand ging wirklich, wenn Dominic Frear wollte, dass sie bleiben. Zumindest fast niemand. Der Flur war inzwischen fast leer. Die letzten Stunden waren vorbei und die meisten Studenten entweder auf dem Weg nach Hause oder schon längst Richtung Turnhalle oder Parkplatz verschwunden. Perfekt. Dominic hatte in ungefähr vierzig Minuten Training. Mehr als genug Zeit. Sein schwarzes Shirt spannte sich leicht über die Schultern, und der Riemen seiner Sporttasche hing locker über einer davon. Die Tattoos auf seinem linken Unterarm waren zu sehen, nachdem er die kurzen Ärmel etwas weiter hochgeschoben hatte. Nicht mit Absicht. Natürlich nicht. Dominic machte nie so etwas absichtlich. Zumindest würde er das behaupten. Sein Blick wanderte zurück zur Blondine. Nadia? Nina? Verdammt. Irgendwas mit N. Sie hatten— Geschichte zusammen? Nein. Chemie. Wahrscheinlich. Nicht wichtig. Er wusste zumindest, dass sie ihn jedes Mal ansah, wenn er die letzten zwei Wochen an ihrem Tisch vorbeigelaufen war. Gestern hatte sie ein Bild von ihm geliked, das er vor sieben Monaten gepostet hatte. Anfängerfehler. Dominic war es aufgefallen. Und weil ihm beim Mittag langweilig war, hatte er ihr geschrieben. Anscheinend war das alles, was es brauchte. "Du hast meine Frage übrigens immer noch nicht beantwortet." Sie legte den Kopf leicht schief. "Welche?" Dominic stieß sich ein wenig von der Wand ab. Nur ein Stück. Gerade genug, um den Abstand zwischen ihnen zu verringern. Er musste sich nicht mal anstrengen. Das war das Geheimnis dabei. Die Leute behaupteten immer, er würde irgendwelche Spielchen spielen. Bullshit. Dominic brauchte keine Tricks. Er sah gut aus. Er konnte reden. Und das wichtigste: Er wusste, wann er gar nichts sagen sollte. Sein Blick fiel absichtlich auf ihre Lippen, dann langsam wieder zurück zu ihren Augen. Da. Genau diese Reaktion. Dominic musste ein Grinsen unterdrücken. Viel zu leicht. "Was machst du Freitagabend?" "Wieso?" "Weil Freitag vor Samstag kommt." Sie lachte. "Idiot." "Das beantwortet meine Frage nicht." "Vielleicht hab ich schon was vor." Dominic nickte langsam. "Dann sag ab." Sie sah ihn einen Moment nur an. "Du bist unfassbar." "Danke." "Das war kein Kompliment." "Hat sich aber so angehört." Wieder ein Augenrollen. Und direkt danach wieder dieses verdammte Lächeln. Dominic kannte das Spiel. Er spielte es schon seit Jahren. Ehrlich gesagt, eigentlich hätte es inzwischen langweilig sein müssen. Manchmal war es das auch. Aber Gewinnen fühlte sich immer noch gut an. Besonders, wenn die andere Person am Anfang noch so getan hatte, als hätte sie überhaupt kein Interesse. Dominic hob eine Hand. Seine Finger strichen beiläufig eine lose Strähne von ihrer Schulter. "Also, Freitag." "Vielleicht." "Acht?" Sie schwieg. Dominic ließ die Strähne langsam durch seine Finger gleiten. "Nehme ich als Ja." "Du nimmst bestimmt alles als Ja." Sein Grinsen wurde breiter. "Meistens hab ich recht." Er konnte es schon sehen. Noch ungefähr dreißig Sekunden. Vielleicht weniger. Dann hatte er ihre Nummer. Am Freitagabend würde sie wahrscheinlich neben ihm auf irgendeiner Party stehen. Und ob sie Samstagmorgen noch so begeistert von ihm wäre— Tja. Nicht sein Problem. Dominic wollte gerade sein Handy aus der Tasche ziehen. Da wanderte sein Blick zufällig über ihre Schulter hinweg. Und blieb hängen. Oh. Nein. Seine Finger froren am Handy. Für etwa zwei Sekunden sagte Dominic nichts. Nicht, weil er überrascht war. Mehr, weil er überlegte, ob das Universum ihn gerade ganz persönlich verarschte. Du. Natürlich. Ausgerechnet. Genau jetzt. Dominic spannte unmerklich den Kiefer an. Nicht heute. Bitte nicht heute. Er mochte dich sogar ein bisschen. Naja. "Mochte" war vielleicht ein starkes Wort Er hatte nichts gegen dich. Das traf es eher. Du warst ruhig. Unauffällig. Eigentlich sogar ziemlich angenehm. Und ehrlich gesagt, gab es nervigere Leute am Campus. Das einzige Problem war— du hast einen Crush auf ihn. Einen ziemlich offensichtlichen. Dominic wusste nicht, wann das angefangen hatte. Irgendwann waren da plötzlich diese Nachrichten gewesen. Dann diese zufälligen Begegnungen nach dem Unterricht. Einmal hast du ihm genau den Kaffee mitgebracht, den er morgens immer bestellt. Vanilla Latte. Extra Shot. Kein verdammter Zimt. Nicht mal seine Freunde merken sich seinen Kaffee. Du schon. Eigentlich ganz süß. Nur— süß ist nicht das gleiche wie jemanden kennen. Und du warst eben einfach— Nicht sein Typ. So einfach war das. Dominic verstand nie, warum seine Freunde da so ein großes Ding draus machten. Rudy hatte ihn beim Training letzte Woche gefragt, warum er dir nicht wenigstens eine Chance gab. Dominic hatte ihn angeschaut, als hätte der vorgeschlagen, sie würden zusammen in einen Buchclub eintreten. Warum sollte er? Nur weil jemand ihn will, heißt das noch lange nicht, dass er die Person auch will. Auch wenn das ehrlich gesagt selten vorkam. Und meistens störte ihn dein offensichtliches Interesse gar nicht groß. Manchmal fand er es sogar schmeichelhaft. Wer mag schon keine Aufmerksamkeit? Aber jetzt— Jetzt war das Timing richtig scheiße. "Alles okay?" Dominic riss sich von dir los. "Hm?" Die Blondine sah ihn fragend an. "Du starrst." "Ich starre immer." "Nein." Sie drehte den Kopf leicht. Dominic reagierte sofort. "Hey." Ihre Aufmerksamkeit war wieder bei ihm. Gut. Sein Blick wanderte trotzdem noch einmal an ihr vorbei. Du warst immer noch da. Scheiße. Er kannte die Anzeichen inzwischen. Gleich würde Nadia— Nina? Vergiss es. —merken, dass da irgendetwas zwischen ihm und dir war. Nicht, weil wirklich etwas war. Genau das war ja das Problem. Aber Leute merken so was. Blicke. Spannung. Dieses unausgesprochene Ding, bei dem längst der halbe Campus wusste, dass du auf Dominic stehst. Er brauchte wirklich nicht, dass sein so gut wie sicherer Freitagabend jetzt plötzlich kompliziert wurde. Dominic atmete langsam durch die Nase aus. Dann sah er dich wieder an. Dieses Mal richtig. Seine zuvor lockere Miene veränderte sich. Nicht auffällig, aber das Grinsen verschwand. Sein Blick wurde schmaler. Ein Ausdruck, den seine Freunde gut kannten. Im Ernst? Dominic drückte sich endgültig von der Wand ab. "Einen Moment." Die Blondine blickte zwischen ihm und dir hin und her. "Kennst du—" "Ja." Viel zu schnell. Dominic bemerkte es selbst. Er fuhr sich mit einer Hand durch die dunklen Haare, dann steckte er beide Hände in die Taschen. Seine Augen blieben auf dir. Natürlich musstest du ausgerechnet jetzt hier sein. Nicht fünf Minuten später. Nicht nach der Nummer. Jetzt. Dominic schnaubte leise. "Unfassbar." "Was?" "Nichts." Die Blondine folgte seinem Blick wieder. Dieses Mal hielt Dominic sie nicht davon ab. Vielleicht würdest du einfach— Nein. Natürlich nicht. So viel Glück hatte er nie. Dominic legte den Kopf kurz in den Nacken, schloss für einen Moment die Augen. Geduld. Er brauchte Geduld. Dann öffnete er die Augen wieder. "Warte kurz hier." "Dominic—" "Bin gleich wieder da." Ohne auf eine Antwort zu warten, ließ er sie bei den Spinden zurück. Seine Schritte waren langsam. Nicht hastig. Dominic Frear ging nie schnell auf jemanden zu. Schon gar nicht auf dich. Trotzdem war die Distanz schneller überbrückt, als ihm lieb war. Mit jedem Schritt wurde seine Laune mieser. Nicht, weil du irgendwas gemacht hättest. Das war ja das Nervige. Dominic wusste, dass er eigentlich keinen echten Grund hatte, genervt zu sein. Du konntest ja schließlich keine Gedanken lesen. Aber verdammt. Ein Mal. Nur ein Mal hättest du auftauchen können, wenn er mal niemanden abschleppt. Schließlich blieb Dominic vor dir stehen. Er war deutlich größer und musste seinen Blick ein wenig senken. Die Arme vor der Brust verschränkt, die tätowierten Unterarme gegen das schwarze Shirt gepresst. Ein paar Sekunden sagte er nichts. Sein Blick wanderte kurz über dich, dann zurück zu deinem Gesicht. Dominic kannte dieses Gesicht inzwischen mehr als gut. Er wusste, wo du mittags meistens sitzt. Wusste, welchen Weg du nach der letzten Stunde nimmst. Er wusste sogar, dass du donnerstags meist länger bleibst. Nicht, weil er dich beobachtet. Natürlich nicht. Sowas bekommt man eben einfach mit. "Bitte sag mir, dass du nicht wegen mir hier bist." Seine Stimme war nicht laut, aber deutlich genervt. Dominic warf einen schnellen Blick über die Schulter. Die Blondine stand noch immer bei den Spinden. Und beobachtete sie offensichtlich. Perfekt. Als er dich wieder ansah, fuhr er sich kurz mit der Zunge über die Innenseite der Wange. "Ich bin gerade ein bisschen beschäftigt." Sein Blick blieb einen Moment an dir hängen. Dann senkte er die Stimme etwas. "Und ich meine wirklich beschäftigt." Er deutete mit einem schnellen Blick zurück zu dem Mädchen. "Unauffällig" war dafür wirklich nicht das Wort. Aber Dominic hatte nie behauptet, subtil zu sein. Er atmete aus. "Also..." Sein Blick traf deinen. Genervt. Ungeduldig. Und absolut überzeugt davon, dass du morgen eh wieder versuchen würdest, seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Wie immer. Dominic hatte keinen Grund zu glauben, dass sich daran je etwas ändern würde. Noch nicht.
