Mailand, 02:17 Uhr | Clinica Valdimonte
Die Klinik lag fast komplett im Dunkeln. Nur das leise Piepen der Monitore und gelegentliche Schritte des Nachtdienstes durchbrachen die nächtliche Stille.
Luchino Manzoni lag halb aufgerichtet in seinem Bett.
Sein schwarzes Hemd hing offen über den Schultern. Ein breiter, weißer Verband war um seinen Oberkörper geschlungen, verbarg zwei gebrochene Rippen und eine frisch versorgte Schnittwunde. Jede tiefere Bewegung verursachte Schmerz.
Er hasste Krankenhäuser.
Was er noch mehr hasste, war hilflos zu sein.
Draußen auf dem Flur fiel eine Tür ins Schloss und eine Frauenstimme sagte, flach und müde:
„Dottor Merisi, dritte Etage.
“
Vor ein paar Stunden hatte er einen Angriff überlebt. Einer seiner eigenen Männer hatte ihn verraten, und nun lag er hier, während irgendwo in Mailand jemand glaubte, ihn endlich beseitigt zu haben.
Offiziell war sein Name Emilio Rosmini.
Ein gewöhnlicher Geschäftsmann, der angeblich Opfer eines Raubüberfalls geworden war.
Niemand im Gebäude wusste, dass sich hinter diesem Namen Luchino Manzoni verbarg – das gefürchtete Oberhaupt einer der einflussreichsten Mafiafamilien Norditaliens.
Plötzlich klopfte es.
„Herein“, knurrte er.
Die Tür öffnete sich und Sie betraten das Zimmer. In einer Hand hielten Sie ein kleines Tablett mit Medikamenten und frischem Verbandsmaterial, in der anderen die Patientenakte.
„Guten Abend, Herr Rosmini. Ich bin heute Nacht für Sie zuständig.“
Luchino hob langsam den Blick.
„Ich brauche nichts.“
Sie warfen einen kurzen Blick auf den Monitor neben seinem Bett.
„Leider liegt das nicht ganz in Ihrer Entscheidung.“
„Wissen Sie eigentlich, mit wem Sie reden?“
Sie sahen von der Akte auf.
„Mit einem ziemlich missgelaunten Patienten, der offensichtlich keine Schmerzmittel nehmen möchte.“
Stille.
Luchino musterte Sie einige Sekunden lang.
Dann entwich ihm ein kurzes, fast unhörbares Lachen.
„Sie haben ja keine Ahnung, wer ich bin, oder?“
„Emilio Rosmini. Vierunddreißig Jahre alt. Zwei gebrochene Rippen, eine Schnittwunde und offenbar ein sehr großes Ego.“
Sie stellten das Tablett auf den Nachttisch.
„Und jetzt würde ich gern Ihren Verband kontrollieren.“
Luchino legte den Kopf zurück aufs Kissen.
„Dann tun Sie, was Sie nicht lassen können, signorina.“
Er beobachtete, wie Sie Ihre Hände desinfizierten und Einmalhandschuhe überstreiften.
Als Sie vorsichtig den Stoff seines offenen Hemdes zur Seite schoben, spannten sich seine Kaumuskeln unwillkürlich an.
„Vorsicht“, murmelte er.
„Ich habe noch gar nichts gemacht.“
„Ich warne Sie nur.“
„Wie fürsorglich von Ihnen.“
Wieder dieses schmale Lächeln.
Luchino schüttelte kaum wahrnehmbar den Kopf.
Sie hatten tatsächlich keine Angst vor ihm.
Während Sie den Verband kontrollierten, glitt sein Blick immer wieder zu Ihrem Gesicht. Sie konzentrierten sich auf Ihre Arbeit und bemerkten nicht, wie aufmerksam er Sie beobachtete.
„Sie sollten sich übrigens weniger bewegen“, erklärten Sie. „Die Wunde muss heilen.“
„Ich habe nicht vor, lange hierzubleiben.“
„Das entscheiden Ihre Ärzte.“
„Ich entscheide generell selbst, wann ich gehe.“
Sie sahen ihn an.
„Dann werden wir zwei wohl viel Spaß zusammen haben.“
Ein schmales Grinsen erschien auf seinen Lippen.
„Da baue ich drauf.“
Dann hörte Luchino etwas.
Schritte.
Schwere, langsame Schritte auf dem Flur.
Sein Blick wanderte zur Tür.
Sie bemerkten es nicht. Sie waren noch damit beschäftigt, vorsichtig den Rand des Verbandes zu lösen, um die Wundauflage darunter zu prüfen.
Draußen blieb jemand stehen.
Luchinos Lächeln verschwand.
Eine dumpfe Männerstimme drang durch die Tür.
„Ist er da drin?“
Eine zweite antwortete.
„Ja. Zimmer 306.“
Luchino wurde völlig still.
Sie bemerkten, wie sich seine Bauchmuskeln unter Ihren Händen anspannten.
„Herr Rosmini? Tut Ihnen etwas weh?“
Er antwortete nicht.
Sein Blick blieb auf die Tür gerichtet.
Dann hörte er wieder die zweite Stimme.
„Die Schwester ist noch bei ihm. Wir warten, bis sie fertig ist.“
Luchino wusste sofort, dass etwas nicht stimmte.
Seine Leute redeten so nicht vor seiner Tür.
Und vor allem hätten sie nicht unter seinem falschen Namen nach ihm gesucht.
Langsam senkte er den Blick zu Ihnen.
Sie hatten inzwischen eine frische Wundauflage vorbereitet und bemerkten seine plötzliche Anspannung.
„Ist alles in Ordnung?“, fragten Sie.
Luchino sah Sie einen Moment schweigend an.
Dann griff er nach seinem Handy und schickte unter der Decke eine kurze Nachricht an seinen engsten Vertrauten, Nicolò Bassi.
Dritte Etage. Zimmer 306. Sofort.
„Wie ist eigentlich Ihr Name, signorina?“
Die Frage kam so unerwartet, dass Sie kurz innehielten.
Aber Luchino wartete Ihre Antwort nicht ab.
Denn genau in diesem Moment klopfte es an der Tür.
Dreimal.
Fest und bestimmt.
„Herr Rosmini? Wir würden gern kurz mit Ihnen sprechen.“
Sie richteten automatisch den Kopf zur Tür.
„Einen Moment bitte, ich bin gerade beim Patienten!“
Plötzlich packte Luchino Ihr Handgelenk.
Nicht fest genug, um Ihnen weh zu tun, aber bestimmt genug, um Sie aufzuhalten.
„Nicht.“
Seine Stimme war leise.
Ganz ruhig.
Und doch lag etwas darin, das Sie noch nicht gehört hatten.
Er ließ Ihr Handgelenk wieder los.
„Schließen Sie die Tür ab. Wenn Sie wollen. Das ist alles, worum ich bitte.“
Draußen klopfte es wieder.
„Schwester? Es ist dringend. Wir sind Familie.“
Luchinos Gesicht verhärtete sich.
„Nein“, sagte er leise. „Das sind sie nicht.“
Er richtete sich etwas auf, verzog aber sofort das Gesicht, als ein stechender Schmerz durch seine verletzten Rippen fuhr.
Sie standen immer noch direkt an seinem Bett, die frische Wundauflage in der Hand.
Sie wollten doch nur Ihren Job machen.
Einen Verband wechseln.
Einem schwierigen Patienten helfen.
Und nun standen Sie plötzlich zwischen einem verletzten Fremden und zwei Männern, die offenbar verzweifelt in sein Zimmer wollten.
Luchino sah Ihnen direkt in die Augen.
„Hören Sie mir genau zu. Sie kennen mich nicht. Und das ist wahrscheinlich das Beste für Sie.“
„Aber wenn Sie mir jetzt einen einzigen Gefallen tun wollen, dann schließen Sie diese verdammte Tür ab.“ Eine Pause. „Und wenn Sie das lieber nicht wollen, steht Ihnen der Flur offen. Gehen Sie raus. Ich werde Ihren Namen niemandem nennen.“
Das dritte Klopfen ließ Sie zusammenzucken.
„Schwester! Machen Sie die Tür auf!“
Luchinos Blick verdunkelte sich.
Sachte griff er nach Ihrem Handgelenk und zog Sie ein wenig näher an sein Bett.
„Machen Sie nicht auf, bella“, murmelte er in seiner tiefen, rauen Stimme.
Sein Blick glitt kurz zu Ihren Lippen, bevor er Ihnen wieder direkt in die Augen sah.
„Wissen Sie, normalerweise muss ich Frauen nicht zweimal bitten, bei mir zu bleiben.“
Ein freches, fast unverschämtes Grinsen huschte über sein Gesicht. Doch als draußen wieder ein Schlag gegen die Tür krachte, verschwand es.
„Diese Männer gehören nicht zu meiner Familie. Und glauben Sie mir, Sie wollen ihnen nicht begegnen.“
Er bemerkte den noch nicht fertigen Verband um seine Rippen und sah dann wieder zu Ihnen auf.
„Sie haben wirklich beschissenes Timing, tesoro.“
Trotz seiner Schmerzen richtete er sich leicht auf.
Seine Hand ließ Ihr Handgelenk los, aber sein Blick blieb auf Sie gerichtet.
„Also, meine hübsche Schwester ...“
Er neigte leicht den Kopf. Das gefährlich charmante Lächeln kehrte zurück.
„Sie können jetzt weglaufen und so tun, als hätten Sie mich nie getroffen. Niemand würde es Ihnen verdenken. Ihnen wird nichts nach Hause folgen.“
Er deutete mit einem Blick auf die frische Wundauflage in Ihrer Hand.
„Oder Sie schließen die Tür ab, machen zu Ende, was Sie begonnen haben, und verraten mir endlich Ihren Namen.“
Draußen krachte es laut gegen die Tür.
Luchino zuckte nicht einmal zusammen.
Stattdessen sah er Sie herausfordernd an.
„Na, bella? Lassen Sie mich hier sitzen mit halbnacktem Oberkörper und gebrochenen Rippen ... oder finde ich heraus, ob Sie so mutig sind, wie Sie frech sind?“
Er sieht nicht zur Tür. Er sieht Sie an und wartet, Handfläche nach oben.