Drei Jahre lang hattest du deine wahre Gabe verborgen.
Damals waren deine Eltern an einer Krankheit gestorben.
Für ein halb-menschliches, halb-feenhaftes Wesen war ein zweites Erwachen der Kräfte nichts Ungewöhnliches—zumindest nicht nach den alten Überlieferungen. Niemand wusste genau, wann ein solches Erwachen geschah oder was es auslöste. Manchmal passierte es in der Kindheit, manchmal erst nach Jahrzehnten. Und manchmal wurde es durch ein so starkes Gefühl ausgelöst, dass es im Inneren des Mischlings etwas aufriss.
Für dich war es Trauer gewesen.
Der Tod deiner Eltern hatte etwas in dir geweckt, das du selbst nicht gekannt hattest.
Seit jenem Tag konntest du Krankheiten heilen.
Nicht nur kleine Verletzungen oder Fieber wie zuvor. Deine Gabe war außergewöhnlich. Du konntest selbst Krankheiten heilen, gegen die die besten Heiler des Glanzhofs machtlos waren.
Aber niemand wusste davon.
Drei Jahre lang hattest du deine Gabe versteckt. Du hast gelernt, sie zu kontrollieren, und darauf zu achten, dass niemand bemerkte, wozu du wirklich fähig bist.
Bis vor einer Woche.
Eine junge Mutter war schwer erkrankt. Ihr Zustand hatte sich innerhalb von Stunden dramatisch verschlechtert. Alle glaubten, sie würde sterben und ihre Kinder bald ohne Mutter sein.
Du konntest nicht wegsehen.
Du hast deine Gabe eingesetzt.
Und die Frau hat überlebt.
Was du nicht wusstest: Jemand hatte davon gesprochen.
Hatte viel darüber gesprochen.
Dann taten es andere.
Gestern Morgen hast du eine offizielle Vorladung vom König des Glanzhofs erhalten.
Du solltest am folgenden Tag in der Glanzhof-Burg erscheinen.
Seitdem warst du beschäftigt mit den letzten Vorbereitungen.
Du hattest gerade einige deiner Sachen zusammengesucht, als dich ein seltsames Gefühl überkam.
Stille.
Unnatürliche Stille.
Draußen vor deinem Haus war kein Wind mehr zu hören.
Dann wurde das Licht im Raum dunkler.
Du drehst dich um.
Drei Gestalten standen plötzlich hinter dir.
Dunkle Rüstungen. Waffen. Dämonische Aura.
Und aus ihrer Mitte trat ein Mann hervor.
Groß. Ruhig. Beinahe unnatürlich gefasst.
Schwarzes Haar fiel ihm in die Stirn. Seine aschgraue Haut wirkte im dämmrigen Licht fast wie Stein. Aber es waren seine Augen, die dich sofort erkennen ließen, dass dies kein gewöhnlicher Dämon war.
Feuerrote Augen.
Ilvarion Orsuela.
Der Dämonenkönig.
Der Mann, dessen Name im Glanzhof fast wie ein Fluch ausgesprochen wurde.
Hinter ihm blieben seine drei Untergebenen stehen.
Ilvarion ließ seinen Blick durchs Zimmer schweifen, bevor er schließlich auf dir ruhte.
"Halbblut."
Seine Stimme war tief und ruhig.
Viel zu ruhig für jemanden, der gerade in dein Haus eingebrochen war.
"Du hast gestern eine Vorladung zur Glanzhof-Burg erhalten."
Er trat langsam auf dich zu.
"Du beabsichtigst, ihr Folge zu leisten."
Keine Frage.
Er wusste es bereits.
Du hattest kaum Zeit zu reagieren.
"Du wirst dort nicht ankommen."
Noch ein Schritt.
"Der König des Glanzhofs weiß von deiner Gabe."
Ilvarions Gesicht blieb ausdruckslos.
"Und sobald er wirklich versteht, was du kannst..."
Sein Blick wurde härter.
"...wird er dich als Ressource im Krieg benutzen."
Die drei Dämonen hinter ihm rührten sich kein bisschen.
"Das kann ich nicht zulassen."
Plötzlich war Ilvarion direkt vor dir.
Viel zu schnell.
Seine Hand schloss sich um deinen Arm.
Und in genau diesem Moment geschah etwas, womit keiner von euch beiden gerechnet hatte.
Ein roter Faden aus Licht erschien.
Er wickelte sich um deinen Arm.
Dann schoss ein zweiter Faden von deiner Haut zum Handgelenk Ilvarions.
Ilvarion erstarrte.
Seine roten Augen weiteten sich zum ersten Mal.
Weitere Fäden erschienen.
Dünne, leuchtend rote Stränge, die sich um beide Arme wickelten und zwischen euch spannten. Sie pulsierten wie lebende Adern.
Einer der Dämonen hinter Ilvarion schnappte hörbar nach Luft.
"Mein Lord..."
"Ich weiß."
Ilvarions Stimme war plötzlich viel kälter.
Er starrte das Band an.
Er kannte diese Fäden.
Jedes Wesen kannte sie.
Ein Schicksalsband.
Zwei Leben, verbunden.
Zwei Schicksale, verwoben.
Ein Band, das in ihrer Welt als Zeichen galt, dass zwei Wesen füreinander bestimmt sind.
Ilvarion hatte in seinem langen Leben vieles gesehen.
Das aber nicht.
Sein Kiefer spannte sich an.
"Nein."
Das Wort kam leise über seine Lippen.
Als ob seine bloße Ablehnung das Band lösen könnte.
Die roten Fäden reagierten mit einem hellen Aufflammen.
Ilvarion sah sie einen Moment lang schweigend an.
"Ich werde das ignorieren."
Er sagte es eher zu sich selbst als zu dir.
"Was auch immer dieses Ding behauptet."
Du hast versucht, dich aus seinem Griff zu befreien.
Ilvarion blickte auf deine Hand.
Dann zurück in deine Augen.
"Ich würde das an deiner Stelle nicht versuchen."
Seine Stimme war ruhig, aber unmissverständlich.
"Ich möchte dir nicht wehtun."
Er hob die freie Hand.
Schwarze Magie sammelte sich in seiner Handfläche.
Du spürtest sofort die gewaltige dämonische Energie.
"Du wirst mir vermutlich nicht danken."
Ein kurzer Moment verstrich.
Dann traf dich die Magie.
Die Welt begann zu verschwimmen.
Das Letzte, was du sahst, waren Ilvarions feuerrote Augen und die noch immer leuchtenden roten Fäden zwischen euch.
Dann wurde alles schwarz.
⸻
Als Ilvarion sicher war, dass du bewusstlos warst, fing er dich auf, bevor du zu Boden fallen konntest.
Einen Moment lang betrachtete er dein Gesicht.
Dann wanderte sein Blick zurück zu den roten Fäden.
Sie waren immer noch da.
Natürlich.
"Wir nehmen sie mit."
Einer seiner Untergebenen trat näher.
"Und ihre Heilergabe?"
Ilvarion sah ihn kalt an.
"Wer hat dir erlaubt, das zu fragen?"
Der Dämon senkte sofort den Blick.
"Verzeih, Herr."
Ilvarion hob dich vorsichtig auf.
"Ich brauche ihre Gabe nicht."
Seine Stimme war endgültig.
"Und ich werde sie nicht nutzen."
Er wandte sich der Tür zu.
"Wir bringen sie zur Burg."
Ein letzter Blick fiel auf die schlafende Frau in seinen Armen.
Die roten Fäden glühten schwach zwischen ihnen.
Ilvarions Gesicht spannte sich beinahe unmerklich an.
"Und findet heraus, wie man ein Schicksalsband löst."
Einer der Dämonen wagte einen vorsichtigen Blick zu ihm.
"Herr..."
Ilvarion blieb stehen.
"Was?"
"...Es kann nicht gelöst werden."
Stille.
Ilvarion sah ihn an.
Sehr lange.
"Dann findet es trotzdem heraus."
Damit verließ der Dämonenkönig das Haus.
Dich in seinen Armen.
Und das Schicksal, das er nicht wollte, an seinem Handgelenk.
⸻
Langsam kehrtest du ins Bewusstsein zurück.
Das Erste, was du spürtest, war Wärme. Nicht die vertraute Wärme des Glanzhofs, sondern die stetige Wärme eines großen Kamins. Unter dir lag ein weiches Bett. Das Zimmer war geräumig, elegant und erstaunlich hell. Dunkle Steinwände, schwere Vorhänge, ein Kamin und hohe Fenster, durch die du einen fremden, schwarzen Wald sehen konntest.
Dann erinnerst du dich wieder.
Der Mann.
Der Dämon.
Und die roten Fäden.
Sie lagen immer noch um deine Arme. Nun unsichtbar für das Auge. Aber du konntest sie fühlen. Dünne, angenehme Fäden warmer Magie, die sich um deine Haut wanden und irgendwo zur Tür hin verschwanden.
Die Tür öffnete sich.
Ilvarion Orsuela trat ein.
Der Dämonenkönig blieb zunächst ein paar Schritte entfernt stehen. Schwarzes Haar fiel ihm leicht in die Stirn, während seine feuerroten Augen dich ruhig musterten. Kein Anzeichen von Unsicherheit war in seinem Gesicht zu erkennen.
Er hatte dich nicht gefesselt. Nichts im Raum war abgeschlossen.
Keine Wachen standen im Zimmer.
Nur er.
"Du bist wach."
Seine Stimme war tief und ruhig. Er ging zum Kamin, legte Holz nach und wandte sich dann wieder dir zu.
"Bevor du einen Angriff auf mich versuchst: Du bist in meiner Burg. Deine Magie wird dich nicht hinausbringen."
Sein Blick fiel kurz auf die roten Fäden, die sich wie unsichtbare Schlangen um seine Arme legten.
Für einen Sekundenbruchteil verhärtete sich sein Gesicht.
"Und nein. Ich habe dieses Band nicht geplant."
Ilvarion kam langsam näher. Die Fäden zwischen euch pulsierten schwach.
"Du weißt, was es bedeutet."
Es war keine Frage.
Er blieb am Bett stehen und blickte auf dich herab.
"Das heißt jedoch nicht, dass ich beabsichtige, mich meinem Schicksal zu beugen."
Eine kleine Pause.
"Du bist hier keine Gefangene, jedenfalls nicht in einem Sinne, der zählt. Nichts in dieser Burg ist verschlossen, und nichts schließt sich hinter dir. Du bekommst, was du brauchst. Essen, Kleidung, Bücher. Wenn du etwas willst, sag es, und es ist deins."
Sein Blick wurde kälter.
"Um eines aber werde ich dich bitten, und ich werde es mehr als einmal tun."
Er lehnte sich leicht zu dir hinüber.
"Wenn du vorhast, zum Glanzhof zurückzukehren, sag es mir ins Gesicht. Du bekommst ein Pferd, vier meiner eigenen Wachen, und die ganze Straße gehört dir. Ich werde dich dreimal fragen, ob du wirklich reiten willst, und beim dritten Mal öffne ich nur das Tor."
Wieder Stille.
Seine roten Augen ruhten direkt auf deinen.
Ilvarion richtete sich wieder auf.
"Ich werde deine Gabe nicht benutzen."
Ein kaum sichtliches Stirnrunzeln.
Er wandte sich zur Tür.
"Du darfst mich hassen, Halbblut. Das wäre vermutlich sogar vernünftig."
Seine Hand lag schon auf dem Türgriff, als er noch einmal innehielt.
"Aber verschwende nicht deine Energie darauf, einen Ausgang aus einer Tür zu suchen, die längst offen ist."
Ein kurzer Blick über seine Schulter.
"Wenn du mich wirklich kennenlernen willst, bevor du über mich urteilst, dann komm morgen früh zum Frühstück. Fürs Erste iss, was auf dem Tisch neben deinem Bett steht."
Die Tür öffnete sich.
"Und versuch nicht, mich zu töten. Das würde nur deinen Tod bedeuten."
Mit diesen Worten verließ der Dämonenkönig den Raum.